Harpers Bizarre

Im Gegensatz zu anderen Acts aus Kalifornien fristeten Harpers Bizarre eher ein Mauerblümchendasein, obwohl sie eigentlich perfekt ins Schema Flower Power, Sunshine Pop, Soft-Psych, Folk- und Westküstenrock passten. Möglicherweise war die aus San Francisco stammende Truppe einen Zacken zu brav und zu nett (andererseits doch zu unberechenbar und überdreht), vielleicht war den Köchen aber auch bloss eine klitzekleine Prise zu viel Easy Listening in die leckere Suppe gefallen. Die Beach Boys wurden 1967 mit den Songs der Alben Pet Sounds und Smiley Smile zum grandiosen Gegenentwurf zur Musik der Trendsetter aus Liverpool hochstilisiert, Harpers Bizarre blieb eine solche Bewertung verwehrt, trotz furioser Leistungen.

Die Ende 1966 gegründete Band war eigentlich eine Fusion von John Peterson (Ex Beau Brummels) und The Tikis zu denen die Gitarristen Richard Scoppettone, Edward James (er verabschiedete sich nach dem zweiten HB-Album), Bassist Richard Yount und Sänger, Drummer und Gitarrist Ted Templeman (leicht zu erkennen an den wasserstoffgebleichten Haaren) gehörten. Trotz der Company Warner Brothers im Rücken und hervorragender Leistung sollte die Neugründung den angestrebten Erfolg aber nie einfahren, mit dem gewählten Image setzten sich Harpers Bizarre irgendwie zwischen alle Stühle. Im Nachhinein begutachtet schmälert das den musikalischen Nachlass meiner Meinung nach aber nicht, die vier zwischen 1967 und ’69 erschienenen LP’s sind Loungetrash und Ohrenfutter der Extraklasse. Im Studio standen Harpers Bizarre oft Musiker der Studioequipe Wrecking Crew zur Seite, Bassistin Carol Kaye, Drummer Hal Blaine und Gitarristen wie Tommy Tedesco, Glen Campbell oder Al Casey. Auch einen dieser modernen Moog-Synthesizer schleppte irgendwer an, bei Waronker und Harpers Bizarre wurde das Gerät natürlich sofort getestet und in den Sound eingebunden.

Betreut wurde die Band vom Produzenten Lenny Waronker (Beau Brummels, Arlo Guthrie, Randy Newman, Ry Cooder, Little Feat) der auch für viele der verschachtelten Arrangements verantwortlich war. Ein Meister seines Fachs also dem Ted Templeman hier zur Hand gehen konnte, der künftige Betreuer von so grossen Namen wie Van Morrison, Doobie Brothers, Montrose und Van Halen lernte das Produzenten-Handwerk von der Pike auf indem er einem alten Hasen über die Schulter schaute. Das Schreiben der Songs überliessen Harpers Bizarre gerne anderen, sie interpretierten Paul Simons “Feelin’ Groovy” (schaffte 1967 Platz 13 in den US-Charts), Glenn Millers “Chattanooga Choo Choo” (auf der LP Anything Goes, die Langrille widmete sich dem Great American Songbook, also amerikanischen Songklassikern) oder sie besorgten sich passendes Material gleich bei Van Dyke Parks, Leon Russell oder dem aufstrebenden Songwriter Randy Newman. Harpers Bizarre steckten viele ihrer gecoverten Songs in ein komplett anderes Gewand, den Soul-Klassiker “Knock On Wood” hat man in einer solch überwältigenden und entschleunigenden Fahrstuhl-Version vermutlich noch nie gehört. Und wer “Out On The Western Plain” (geschrieben von Huddie Ledbetter) in der Bearbeitung von Rory Gallagher kennt, sollte sich vielleicht auch mal “When I Was A Cowboy” von Harpers Bizarre anhören, erstaunlich zu welchen Resultaten die Interpreten des gleichen Songs kamen.

Einer Band-Reunion (ohne Templeman) mit Yount und Scoppettone entsprangen 1976 und 1977 zwei weitere, weitgehend unbekannt gebliebene Langrillen. Die Namen Scoppettone, Yount, James und Sowell versanken im Treibsand der Musikgeschichte, einzig Ted Templeman wurde zu einer dieser Legenden an denen man kaum vorbeikommt wenn man sich mit US-Rock der 70er und 80er beschäftigt.

Als mir das Meisterwerk The Secret Life Of Harpers Bizarre (1968) in die Hände fiel war ich auf Anhieb hin und weg von dem was ich da zu hören bekam, grandioser Samtpfoten-Gesang in Kombination mit Soundcollagen, grossem Orchester und sanft von sich hin trabenden Beats. Ca. ’77 oder ’78 war das, die Epoche in der grad ein musikalischer Generationenwechsel stattfand, für mich eine prägende Zeit, ich hielt damals meine Ohren in alle möglichen Richtungen offen und Secret Life ist vermutlich bis heute einer der Gründe weshalb ich mich nie auf eine einzige musikalische Richtung festlegen konnte. Nach Secret Life erhielten auch die drei anderen Alben (die fanden sich in den US-Cut-Out-Importware-Kisten) Asyl bei mir.

Einsteigern in die Welt von Harpers Bizarre würde ich mal den akustischen Soundtrip The Secret Life Of Harpers Bizarre (1968) oder das exzellente Folkrockalbum 4 (1969) empfehlen.  Komplettisten (unter anderem auch ich) greifen wahrscheinlich zur 4-CD-Box Harpers Bizarre – Come To The Sunshine: The Complete Warner Brothers (2021, él / Cherry Red Records), alle 4 Original-Alben zusätzlich mit Bonustracks, hier finden sich auch die Alben Feelin‘ Groovy und Anything Goes (beide von 1967). Rhino veröffentlichte 2016 die CD Harpers Bizarre – The Complete Singles Collection (1965-1970) die auch ein paar Aufnahmen der Tikis beinhaltet.

COME TO THE SUNSHINE!
mellow

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Ein Kommentar

  1. Diese recht unbekannte Truppe, die Schatzgräber mellow so fundiert vorgestellt hat, wurde Ende 1966 in San Francisco gegründet. Die Musik der US-amerikanischen Beat-Band Harpers Bizarre war tatsächlich besonders, klang kalifornisch, sonnig, heiter, verträumt. Das Quintett profitierte damals stark von der aufkommenden Flower-Power-Bewegung. Schlagzeuger John Peterson hatte zuvor bei den Flower-Popper The Beau Brummels getrommelt. Die anderen vier Mitglieder hatten davor ab 1963 als The Tikis lokale Erfolge im kalifornischen Santa Cruz gefeiert. Das 4CD-Set Come To The Sunshine – The Complete Warner Brothers Recordings versammelt ihre frühen 4 Alben von 1967 bis 1969 samt vielen Bonustracks. Ihre Hitsingles 59th Street Bridge Song (Feelin’ Groovy) und Anything Goes sind auch dabei. Wer auf rockigen Gute-Laune-Pop steht und diese Box von Cherry Red Records irgendwo bezahlbar sieht, nicht überlegen, sofort kaufen !! Mellow hat zu Harpers Bizarre alles umfassend geliefert. Rhythmische & hoffungsvolle Grüsse, Der SchoTTe

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