Adriano Celentano – Il Ragazzo Della Via Gluck (1966)

Beim Festival Della Canzone Italiana Di Sanremo 1966 blieb Adriano Celentano mit Il Ragazzo Della Via Gluck bereits in der Qualifikation für das Finale des Lieder-Wettstreits hängen, der Folk- und Protestsong wurde aber trotzdem ein Hit. Die Melodie war dermassen eingängig, dass sich selbst das Fräulein Wunder der französischen Yé-Yé-Szene, Françoise Hardy, dem Lied annahm, bei ihr wurde daraus La maison où j’ai grandi.

Adriano Celentano der die moderne Popmusik in Italien fast im Alleingang etabliert und 1960 im epochalen Streifen La Dolce Vita von Federico Fellini neben Anita Ekberg einen Auftritt als Rock’n’Roll-Sänger hatte, sprang in besagtem Lied ganz schön kritisch um mit der schönen neuen Welt die doch alle versprochen hatten, ein ungewöhnliches Thema für einen populären Sänger aber nicht aussergewöhnlich, auch I Pooh zeigten sich zu Beginn ihrer Karriere politisch, allerdings entschärften sie ihr Brennero ’66 dem Erfolg zuliebe.

Il Ragazzo Della Via Gluck ist also viel mehr Bob Dylan und Jacques Dutronc als lustiges, leicht verdauliches Canzone, weist einerseits auf den Zerfall uralter gewachsener sozialer Strukturen hin und kritisiert andererseits den architektonischen Wahnsinn der Moderne bei dem vor den Toren vieler Städte quer durch Europa gigantische Betonlandschaften entstanden in denen die klassische Form des Zusammenlebens (die Generationen umfassende Grossfamilie) keinen Platz mehr fand. Zuerst auf Papier gezeichnet und dann auch realisiert, die Planer (von denen längst nicht jeder ein Le Corbusier war) und Baumeister kannten keine Gnade und gingen meistens auch keine Kompromisse ein bei der Umsetzung ihrer kühnen Visionen, es entbrannte ein Wettkampf mit immer grösseren und gewagteren Projekten, in Beton gegossener Wahnsinn. Dass in diesen neu geschaffenen Cities auch Menschen leben sollten wurde aber oftmals vergessen. Wie die Geschichte gezeigt hat erlitten viele dieser Trabantenstädte Schiffbruch und wurden von ihren Schöpfern wieder fallen gelassen. Die anfangs bewunderten, futuristisch anmutenden Wohn- und Lebenszentren der Zukunft verwilderten schnell und wurden zu Rückzugsorten sozial schwächerer Menschen, sie verwandelten sich von idealisierten Wohnwelten in Ghettos in die keiner freiwillig zieht.

Adriano Celentano, der vielseitige Allrounder (Musiker, Schauspieler, Regisseur, Unternehmer) mit dem traurigen Blick und der immer leicht melancholisch wirkenden Nichtstimme machte mit Il Ragazzo Della Via Gluck eine Punktlandung ins gesellschaftliche Gewissen des Jahres 1966. Die Bauboom-Profiteure (darunter auch die legendären kriminellen Organisationen die überall die Finger drin hatten wo es Kohle zu verdienen gab) wollten natürlich nichts von solcher Schwarzmalerei wissen und auf normale Bürger wirkten die neu erschaffenen Wohnsilolandschaften wohl dermassen einschüchternd, dass die Stimmen der Vernunft schwiegen und die neue Situation als gottgegeben akzeptierten.


Das italienische Staatsfernsehen RAI spendierte Celentano einen surreal wirkenden Werbefilm zu Il Ragazzo Della Via Gluck, man findet ihn auf entsprechenden Video-Portalen. Schwarzweiss und milchig verschwommenen zwar, dennoch vermittelte der vor städtebaulicher Kulisse wie ein Reporter durchs Bild laufende Sänger einen guten Eindruck von dem was er mit dem Text aussagen wollte.

Der Text von Il Ragazzo Della Via Gluck hat durchaus autobiografische Züge, Adriano Celentano verbrachte seine Kindheit in der Via Cristoforo Gluck (benannt nach dem deutschen Opernkomponisten Christoph Willibald Gluck, 1714-1787) in Mailand.

Dass man aus begangenen Fehlern lernen kann hat die norditalienische Metropole mittlerweile bewiesen, das Mailand des 21. Jahrhunderts beherbergt eine atemberaubende Ansammlung fantastischer Bauten bei der die Komponente “Mensch” im Mittelpunkt steht. Alt und neu in friedlicher Koexistenz nebeneinander ohne einander die Luft zu nehmen, siehe beispielsweise die begrünten Hochhäuser Bosco Verticale des Architekten Stefano Boeri, ein europäisches Vorzeigewohnprojekt in Sachen Biodiversität.

LUNGA VITA ALLA MUSICA POP ITALIANA!
mellow

 

Il Ragazzo Della Via Gluck
(Celentano / Mariano / Beretta / Del Prete)

Questa è la storia
Di uno di noi
Anche lui nato per caso in via gluck
In una casa, fuori città
Gente tranquilla, che lavorava
Là dove c’era l’erba ora c’è
Una città
E quella casa
In mezzo al verde ormai
Dove sarà

Questo ragazzo della via gluck
Si divertiva a giocare con me
Ma un giorno disse
Vado in città
E lo diceva mentre piangeva
Io gli domando amico
Non sei contento
Vai finalmente a stare in città
Là troverai le cose che non hai avuto qui
Potrai lavarti in casa senza andar
Giù nel cortile

Mio caro amico, disse
Qui sono nato
In questa strada
Ora lascio il mio cuore
Ma come fai a non capire
È una fortuna, per voi che restate
A piedi nudi a giocare nei prati
Mentre là in centro respiro il cemento
Ma verrà un giorno che ritornerò
Ancora qui
E sentirò l’amico treno
Che fischia così
“Wa wa”

Passano gli anni
Ma otto son lunghi
Però quel ragazzo ne ha fatta di strada
Ma non si scorda la sua prima casa
Ora coi soldi lui può comperarla
Torna e non trova gli amici che aveva
Solo case su case
Catrame e cemento

Là dove c’era l’erba ora c’è
Una città
E quella casa in mezzo al verde ormai
Dove sarà

Ehi, ehi

La la la la la la la la

Eh no
Non so, non so perché
Perché continuano
A costruire, le case
E non lasciano l’erba
Non lasciano l’erba
Non lasciano l’erba
Non lasciano l’erba

Eh no
Se andiamo avanti così, chissà
Come si farà
Chissà

 

Dies ist die Geschichte von einem von uns,
Der zufälligerweise auch in der Gluckstrasse geboren wurde.
In einem Haus am Stadtrand,
Mit ruhigen, werktätigen Menschen.
Da wo einst Gras war, ist heute Stadt
Und dieses Haus im Grünen,
Wo ist es geblieben?

Dieser Junge aus der Gluckstrasse,
Der hatte Spass, mir mir zu spielen
Aber eines Tages sagte er: “Wir ziehen in die Stadt!”
Und er weinte dabei.
Ich fragte ihn: “Freust du dich denn nicht?
Endlich kommst du in die Stadt!
Da hast du all das, was es hier nicht gibt.
Du kannst dich in der Wohnung waschen
Und brauchst dazu nicht auf den Hof zu gehen!”

“Mein lieber Freund” sagte er, “ich bin hier geboren,
Und in dieser Strasse bleibt mein Herz!
Warum verstehst du das denn nicht?
Es ist ein Glück für euch, dass ihr weiter barfuss
Hier auf den Wiesen spielen könnt,
Während ich im Zentrum den Staub vom Zement einatmen muss.
Aber, der Tag wird kommen, an dem ich hierher zurückkehre
Und wieder unseren Freund, den Zug, pfeifen hören werde:
“Wuu, wuu!”

Die Jahre vergingen, und acht sind lang
Und dieser Junge machte ganz schön Karriere
Aber er vergass nie sein altes Zuhause.
Jetzt hatte er so viel Geld, dass er das Haus kaufen konnte.
Er kam zurück, aber er konnte seine Freunde von damals nicht mehr finden,
Nur Häuser über Häuser, Teer und Zement.

Da wo einst Gras war ist heute Stadt
Und dieses Haus im Grünen,
Wo ist es geblieben?

Ei, ei,

La la la… la la la la la…

Ey, ich weiß nicht, ich weiß nicht warum
Warum sie immer weiter Häuser bauen
Und nicht das Gras stehen lassen
Nicht das Gras stehen lassen
Nicht das Gras stehen lassen
Nicht das Gras stehen lassen

Ey nein, wenn wir so weiter machen
Wer weiss, wie wir zurecht kommen sollen
Wer weiss, wer weiss,
Wie wir zurecht kommen sollen…

 

Il Ragazzo Della Via Gluck erschien 1966 als Single und findet sich auch dem gleichnamigen Album. Veröffentlicht wurden die Tonträger beim Label Clan Celentano, der Plattenfirma die Adriano 1961 aus dem Boden gestampft hatte und die bis heute seine Produkte vermarktet.

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