Baker Street Philharmonic – Yesterdays Dreams (1971)

Aus einem längst vergessenen Dschungel in dem die wildesten Früchte an den unglaublichsten Pflanzen wuchsen, Yesterdays Dreams (1971) von Baker Street Philharmonic ist eines dieser historischen  Tondokumente aus einer Zeit in der sich zumeist anonyme Studioprojekte an nahezu jeder Form der Unterhaltungsmusik gütlich taten. Normalerweise landeten die entstandenen Produkte in den Drehständern von Kaufhäusern, billig, meist instrumental und eigentlich immer mit aktuellen Hits bestückt.

Die LP Yesterdays Dreams ist mir aufgefallen wegen The Witch von den Rattles. Es ist eher ungewöhnlich für den Bereich Easy Listening, dass ein solcher Rocktitel berücksichtigt und bearbeitet wird und dann erst noch von einer deutschen Band. Nun, Baker Street Philharmonic war wie man jetzt vermuten könnte aber kein deutsches Orchester, dahinter versteckte sich der Engländer Mike Vickers, er war von 1962 bis 1965 Gitarrist bei der Manfred Mann Band. Nachdem er bei der erfolgreichen Truppe ausgestiegen war wechselte Tom McGuinness vom Bass an die Gitarre, Vickers forcierte derweil seine Karriere als Arrangeur und Komponist, z.B. mit „On The Brink“ das von Sounds Inc. gecovert wurde und 1967 mit seinem Soloalbum I Wish I Were A Group Again. Er dirigierte auch das Orchester bei der Live-Aufführung von „All You Need Is Love“ von den Beatles, der Song wurde anlässlich von Our World, der ersten weltweiten TV-Sendung, am 25. Juni 1967 gleichzeitig in 31 Länder übertragen. Vickers war einer der ersten Musiker in England die mit dem Moog-Synthesizer zu experimentieren begannen, er führte das Instrument George Harrison und Paul McCartney vor und Keith Emerson lieh sich bei ihm dieses damals neuartige elektronische Tastensteckergerät aus bevor er sich seinen eigenen Moog anschaffte.

Baker Street Philharmonic war zwischen 1969 und 1972 eines dieser Studio-Vehikel die im Low-Budget-Bereich bekannte Musik noch bekannter machen sollte. Wer jetzt vermutet die Musik könnte von schlechter Qualität gewesen sein der irrt sich und zwar gewaltig. Die Basis ist eine normale Band mit Drums und Bass und je nachdem mit Gitarre, Piano, Hammondorgel oder sorgfältig integriertem Moog erweitert, zusätzlich dazu gab es Strings und einen Chor der sich meist dezent zurückhielt. Scatvocals aber auch Gesang mit Worten tauchten Yesterdays Dreams in ein angenehmes warmes Licht. Meistens ruhig und entspannt, prädestiniert zu Lounge-Hintergrundberieselung, ausser vielleicht besagtes The Witch bei dem Mike Vickers‘ Tochter im Studio für die Schreie zuständig war, der Titel wäre wohl ganz einfach zu heftig gewesen wenn er jemals durch Fahrstuhlschächte gehallt wäre. Auch die weiteren Nummern auf Yesterdays Dreams sind geniale Trashware, allen voran das herrliche „Woodstock“ mit seiner flötenden Holzimitat-Orgel und Rare Birds‘ „Sympathy“, hier ohne Gesang dafür mit Vibraphon veredelt.

Das Unternehmen Baker Street Philharmonic ist längst vergessen auch wenn einzelne  Tracks des Projektes heutzutage manchmal sogar in Downloadportalen auftauchen, wer sich hinter dem Namen verborgen hatte weiss von denen die sich Sound von Mike Vickers „saugen“ aber wohl keiner.


Die flankierenden LP’s  die grossartige Space-Age-Scheibe By The Light Of The Moon (1969, von der ersten Moondlandung inspiriert), Love Story (1971, teilweise die gleichen Songs wie auf Yesterdays Dreams) und der Singles-Plus-Bekanntes-Plus-Neues-Material-Compilation Je T’Aime… Moi Non Plus… (1972) die unter dem Namen Baker St. Philharmonic und Baker St. Philharmonic Featuring The Moog Synthesizer veröffentlicht wurde, brauchen sich nicht hinter Yesterdays Dreams zu verstecken. Sie beinhalten Musik die zwar nie in irgendwelchen Charts auftauchte, die aber nichtsdestotrotz zeitlos und absolut hörenswert ist, vorausgesetzt man läuft nicht gleich schreiend davon wenn die Genrebezeichnung Easy Listening fällt.

Anders als bei anderen, ähnlich gelagerten Projekten gab es bei Baker Street Philharmonic bislang noch keine Aufarbeitung eines Retrospezialisten, einzig I Wish I Were A Group Again und der Vickers-Soundtrack Dracula A.D. 1972 wurden auf CD veröffentlicht.

LONG LIVE LOUNGECORE!
mellow

 


Baker Street Philharmonic – Yesterdays Dreams

(1971, LP, Pye Records Special)

A1 Do You Know The Way To San Jose
A2 Here, There And Everywhere
A3 Sympathy
A4 Old Friends – Bookends
A5 Vivre Pour Vivre (Live For Life)
A6 The Witch

B1 Woodstock
B2 Theme From Who’s Afraid Of Virginia Woolf
B3 Singalong Junk
B4 Theme From Love Story
B5 Yesterday’s Dreams
B6 The Last One

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