Justin Hayward – Songwriter (1977)

Ahornsirup, Puderzucker, Schokoladencrèmefüllung – ich nehme hiermit am besten eventuellen Kritikern gleich mal das Schrot aus der rauchenden Jagdflinte. Ja, das 77er Solo-Album von Justin Hayward ist vielleicht anfänglich süss, bei eingehender Begutachtung kann man aber klar erkennen welch fein ziselierte Klinge der König des soften Moll/Dur-Songwritings auf diesem Album geschwungen hat. Die einzige Voraussetzung ist etwas Toleranz, aber für musikalisch offene Ohren stellt das bekanntlich kein Problem dar…

Was tun wenn die Stammband mal eine Pause einlegt?

Normalerweise geht ein Musiker dann „solo“. Der Erfolg solcher Projekte ist oft bescheiden, manchen Musikern allerdings gelingt es aus dem oftmals übermächtigen Schatten herauszutreten und den kommerziellen Erfolg sogar noch zu toppen, siehe der trommelnde, glatzköpfige Kobold von Genesis, oder Supersoftie Lionel Richie der erst nach den Commodores seinen Banksafe so richtig mit Millionen von Dollars stopfen konnte. Justin Hayward hingegen wird auf ewige Zeiten hinaus Mr. „Nights In White Satin“ bleiben, dieser einmalige Evergreen wird ihn bis ans Ende seiner Tage begleiten, da hilft alles Recken und Strecken nichts, noch nicht mal so ein wunderbares Album wie Songwriter.

Was hier der moodyblues’sche Hausproduzent Tony Clarke zusammen mit seinem „Star“ und den Trapeze-Members Dave Holland, Terry Rowley und Mel Galley geschaffen hat, ist wirklich fantastisch: Das enge Korsett der Moody Blues wird abgelegt, Justin Hayward kann schalten und walten wie er will, sich mit allen zur Verfügung stehenden Pastelltönen auf der Soundpalette austoben. Durchgehend opulent angerichtet natürlich, da tauchen orchestrale Parts auf, eingewobene Soundcollagen (herrlich die kurze Theater-Backstage-Sequenz im bezaubernden, balladesken Midtempo-Traber “Stage Door”), Synthesizer und natürlich jede Menge Gitarren im typischen Hayward-Style, wie gewohnt gepflegt und melodiös. Die eher rockig gehaltenen Titel “Tightrope” und “Lay It On Me” ändern nichts an der Marschrichtung dieser Platte, die Grundstimmung ist ruhig, aber von Justin Hayward erwartet man schliesslich auch keinen harten Rock. Nein, viel eher sowas wie den Titeltrack in dem der Komponist einen Einblick gibt ins nicht immer leichte Leben eines Songwriters der sich immer wieder neu erfinden muss um die Gefolgschaft bei Laune zu halten.

Abschliessender Gefahrenhinweis:
Das Album Songwriter ist meines Erachtens ungeeignet für stahl- und knochengehärtete Rocker. Aber vielleicht ziehen auch die mal ihre speckige Lederjacke aus, öffnen eine gute Flasche Barolo, setzen sich hin, entspannen sich, schauen ins knisternde Kaminfeuer und hören zu was dieser Songwriter so alles zu erzählen hat… who knows…

LONG LIVE POP MUSIC!
mellow

 


Justin HaywardSongwriter (1977, LP, DERAM)
1. Tightrope
2. Songwriter (Part 1)
3. Songwriter (Part 2)
4. Country Girl
5. One Lonely Room
6. Lay It On Me
7. Stage Door
8. Raised On Love
9. Doin’ Time
10. Nostradamus

Bonustracks CD-Release DERAM, 1987:
Marie
Learning The Game

Bonustracks CD-Release DECCA, 2004:
Wrong Time Right Place
Marie
Heart Of Steel
Learning The Game

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