Flowers – Icehouse – Ayers Rock 1

Iva Davies One-Man-Show, Blumenstrauß wird zum Iglu

Wenn es um Rockmusik geht, sind in erster Linie Nordamerika und Europa oft im Gespräch, aber gelegentlich auch Japan und Afrika. Aber was ist mit Tasmanien (Rob Tognoni), Neuseeland (Crowded House, Datsuns, The Veils) oder Australien. Klammern wir mal die üblichen großen Namen aus über die permanent berichtet wird, AC/DC, Bee Gees, INXS, Man At Work, dann gibt es noch eine Vielzahl recht unbekannte dennoch gute Formationen. Die haben aber oft deutliche Spuren hinterlassen, die aber nicht direkt mit den drei großen Inseln auf der Südhalbkugel in Verbindung gebracht werden. Fangen wir diesmal mit einer bekannteren Rock-Band, sprich Icehouse an.

Flowers: Icehouse (1980)

Icehouse: Primitive Man (1982)

Icehouse: Man Of Colours (87)
Flowers_1: Live Sweetwaters Music Festival 1981 (Iva Davies)

Alles begann 1977 in Sydney, Ivor Arthur Davies (Gesang, Gitarre, Bass, Keyboards, Oboe) lernte während einer Teilzeitarbeit auf einem Squash-Platz über die Leiterin zufällig ihren Sohn Keith Welsh (Bass) kennen. Zusammen mit Michael Hoste an Keyboards und Don Brown am Schlagzeug gründen sie die Band Flowers. Man spielte erst einmal vorwiegend Cover-Versionen von Roxy Music, David Bowie, Lou Reed, T-Rex, Ultravox oder Brian Eno hauptsächlich in lokalen Clubs, baute damit mal eine ordentliche Anhängerschaft auf. Bereits Mitte 1979 ersetzte John Lloyd (Paul Kelly, The Dots) Don Brown, Anthony Smith kam für Michael Hoste. Der blieb aber mit der Band immer verbunden und trat ihr später wieder bei. Beim kleinen Label Regular Records erschien zuerst die Single »Can’t Help Myself« (Mai 1980), kurz danach im Oktober dann das recht erfolgreiche Debüt »Icehouse«. Es wurde 1980 eines der meistverkauften Alben in Australien. Iva Davies war die wichtigste kreative Kraft, vier der elf Lieder stammen von ihm und Michael Hoste (der unterstützte wieder als Gast an den Keyboards), er war Produzent, Gitarrist, die ruhige, sanfte aber durchaus prägende Stimme, ein echter klassischer Frontmann. Die weiteren Singles »We Can Get Together« (September) und »Walls« (Januar 1981) steigerten die Popularität der Blumen. Sie waren Down Under in aller Munde, räumten in der Heimat reihenweise Preise ab. Sie unterschrieben Anfang 1981 beim Major Chrysalis Records um dann auch einfacher weltweit durchstarten zu können. Aufgrund gesetzlicher Beschränkungen und um Verwechslungen mit einer schottischen Gruppe The Flowers zu vermeiden, ändern sie jedoch ihren Namen. Letzter Auftritt als Flowers am 27. Juni 1981 im Capitol Theatre Sydney, dann benennen sie sich um in Icehouse, eben nach ihrem ersten Titel ihres Debüts. »Icehouse« wurde von Iva Davies geschrieben als er in einer kalten, primitiven Wohnung eines alten, einsamen zweistöckigen Herrenhauses lebte. Mir hat die Musik, die beispielsweise wie das frühe Material von Simple Minds, Depeche Mode oder Roxy Music sehr modern-innovativ und starke Elektronikanteile hatte, von Beginn an sehr gut gefallen, Icehouse lief bei mir damals in Dauerrotation. SchoTTenTipp: Für den Komplettierer empfehle ich die Box-Ausgabe mit CD1: CD-Album »Icehouse« mit 3 zusätzlichen Bonus-Titel, CD2: Live Album, DVD: »Live Sweetwaters Music Festival 1981« und diverse Musik-Videos (Diva Records, 2011). Sehr schöne, informative Ausgabe im achtseitigen Digipack.

Flowers_2: Live Sweetwaters Music Festival 1981

Flowers_3: Live Sweetwaters Music Festival 1981
Icehouse: Live Westfalenhalle Dortmund 24-06-1984_1

Chrysalis veröffentlichte dann den größten Teil des Blumenstrauß-Material als selbstbetiteltes Album »Icehouse«, schickte damit die Synthie-Rock-Band Icehouse in der zweiten Hälfte 1981 um die ganze Welt auf Tour. Der erst einmal einzige neue Titel als Icehouse ist »Love In Motion«. Die Band trennte sich dann Ende 1981, Keith Welsh wurde später Manager der australischen Acts Do-Ré-Mi (1981 bis 1988: Deborah Conway, Dorland Bray, Helen Carter, Stephen Philip) und Boom Crash Opera (gegründet 1985, Melbourne). Der Nachfolger »Primitive Man« war im Januar 1982 dann praktisch ein Alleingang von Iva Davies. Zusammen mit Produzent Keith Forsey (später Giorgio Moroder, Simple Minds), der auch Perkussion beisteuert, entsteht ein Kracher-Album mit Hits wie »Great Southern Land«, »Uniform«, »Hey Little Girl« und »Street Café«. Auf der begleitenden Tour waren die Unterstützer Michael Hoste an Keyboards, Schlagzeuger John Lloyd, sowie Robert Kretschmer (Gitarren), Guy Pratt (Bass) und Andy Qunta (Keyboards). In dieser Besetzung wurde 1983 auch die EP »Fresko« eingespielt. Sie unterstützten David Bowie auf dem europäischen Teil seiner Serious-Moonlight-Tour. Bereits 1982 hatte Russell Mulcahy, er visualisierte auch Hits von Duran Duran, Talk Talk, Elton John, Queen, zwei ihrer Videoclips gedreht: »Hey Little Girl« und »Street Café« (veröffentlicht Februar 1983). Für seinen Thriller »Razorback« (1984) komponierte und spielte Iva Davies im Gegenzug dann die instrumentale Musik ein. Dabei setzte er auch den in Australien entworfenen Fairlight Music Computer ein. Iva Davies (1986): „Ich benutze seit zweieinhalb Jahren meistens den Fairlight, als eine Art Skizzenblock zum Arrangieren und Bearbeiten. Sie werden nicht weit entfernt von meinem Wohnort gebaut. Wenn sie also Software testen müssen, schaue ich sie mir an. Das erste Mal, als ich ein Fairlight verwendete, war das der Soundtrack zu Russell Mulcahy’s ersten Spielfilm »Razorback«, bei dem ein riesiges Killerschwein die Hauptrolle hat. Aber ich benutze auch den Prophet 5 für Harmonien.“

Live Westfalenhalle Dortmund 24-06-1984_2

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Das nächste etwas düsterere Album »Sidewalk« mit den Auskopplungen »Taking The Town«, »Don’t Believe Anymore« sowie »Dusty Pages« wurden allesamt 1984 veröffentlicht und erreichten wieder gute Chart-Positionen in Australien. Besetzung: Davies (Sampling-Synthesizer Fairlight CMI), Kretschmer, Pratt, Qunta und die beiden ehemaligen Mitgliedern Simon Lloyd (Saxophon, Trompete, Keyboards) und Steve Jansen (Schlagzeug, Percussion). Für die Sydney Dance Company (Graeme Murphy) komponiert, produziert und spielt Iva mit seinen bekannten Helfern das Album »Boxes« (1985) ein. Höhepunkte 1986: für das Album »Measure For Measure« unterstützt sogar Brian Eno als Gast und zum anderen ein Audio/Video-Mitschnitt eines Auftritts im New Yorker The Ritz. Das zeigt den Stellenwert, dass dieses Projekt Icehouse inzwischen genießt. Mit »Man Of Colours«, mit den Hit-Singles »Crazy«, »Electric Blue« (komponiert von John Oates), »My Obsession«, »Man Of Colours« und »Nothing Too Serious«, erscheint 1987 ein weiterer Karriere-Meilenstein, es wird das meistverkaufte Album der Band. Es war das erste australische Album mit fünf Singles in den Top 30, es blieb elf Wochen lang auf dem ersten Platz der australischen Album-Charts, hatte über 750.000 Verkäufe. Iva Davies war mit Eis-Haus in seiner Heimat am Zenit. Die Wahrnehmung in Europa und Nordamerika war ähnlich, nur nicht ganz so deutlich. Mit nur zwei Singles »Touch The Fire« und »Jimmy Dean« ließ es Davies dann bis 1990 etwas langsamer angehen.

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Icehouse: Live Westfalenhalle Dortmund 24-06-1984_6

Mit neuem Personal und dem ehrgeizigen, poppigen »Code Blue« (10-1990, ohne Andy Qunta) und den daraus ausgekoppelten »Big Fun«, »Miss Divine« und »Anything Is Possible« fing der leuchtende Stern der Australier an zu sinken, Platzierungen, Auszeichnungen nahmen ab. Nach langer kreative Pause, kommt aber mit »Big Wheel« (10-1993) und dem Remix-Doppeldecker »Full Circle« (12-1994) auf Davies Label Diva Records der Tiefpunkt. Iva Davies (2016): „Ich habe innerhalb von sechs Jahren das erfolgreichste australische Album und auch den größten Flop überhaupt veröffentlicht: »Big Wheel« von 1993. Die Reaktion des Musik-Marktes war ein Schlag ins Gesicht. Mein Publikum wollte nicht, dass ich mich weiterentwickle. Da ich zu der Zeit Vater wurde, habe ich mich aus der Industrie zurückgezogen und mich auf meine Tochter konzentriert.“ Auch eine Lösung, man braucht nur genug Ressourcen dazu. 1995 war Davies mit »The Berlin Tapes« erneut an der Sydney Dance Company beteiligt, diesmal mit ihrer Berliner Produktion. Zur Jahrtausendwende am Silvesterabend 1999 traten Icehouse zusammen mit dem The Sydney Symphony Orchestra auf dem nördlichen Vorplatz des Sydney Opera House mit dem Programm »The Ghost Of Time« auf, einer 25-minütigen Fassung von »Great Southern Land«. Ungefähr 2,5 Milliarden Menschen haben weltweit diese spektakuläre Live-Übertragung des Silvester-Feuerwerks gesehen. Die Musik wurde mit den weiteren Titeln »Walk Alone«, »Endless Ocean« auch als Davies-Solo-Werk VÖ.

SDC: The Berlin Tapes (1995)

Icehouse: White Heat: 30 Hits

Icehouse: In Concert (2015)
Interview Iva Davies 2020

Ab 2001 arbeitet Iva Davies an einem neuen Album »Bi-Polar Poems«, einige Titel waren dann von 2004-2008 auf der Künstler-Webseite verfügbar. Dieses Album ist 2022 immer noch nicht veröffentlicht. Iva Davies (2008): „Wir haben ein paar private Firmenshows gespielt, aber was Live-Touren vor der Öffentlichkeit angeht, haben wir das schon lange nicht mehr gemacht. Um zwei Stunden singen zu können, müsste ich praktisch gesehen viel fitter sein als jetzt. Ich habe vor einiger Zeit ein Album komponiert und aufgenommen. »Your God Not Mine« wurde bereits 1998 geschrieben. »Bi-Polar Poems« ist in verschiedenen Zuständen unvollendet, aber ich bekomme immer wieder Projekte, die mich hindern daran weiter zu arbeiten.“ Zum 30-jährigen Jubiläum erscheint das Album »Icehouse« (siehe SchoTTenTipp) und eine Retrospektive »White Heat: 30 Hits« als DCD-DVD-Combo. Alle Alben der 80er werden 2012 als limitierte Editionen veröffentlicht. Seit Ende 1981 ist Icehouse eigentlich ein Solo-Projekt. Iva Davies (2016): „Wenn niemand mit einer Peitsche hinter mir steht, bin ich nicht besonders effizient. Ich kann nur unter echtem Druck kreativ arbeiten, und das habe ich lange genug getan. Ich war Teil der Maschinerie. Als sie ins Stocken geriet, war der Druck weg und ich habe mir dann lieber Wale angeschaut.“

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