Paul Winter Consort – Oregon – Solstice – Codona

Ralph Towner Glen Moore Paul McCandless Collin Walcott

Portland: US-Westküste – Ich habe eine längere Zeit in der großen Stadt am Columbia River, Grenze Oregon und Washington State verbracht. Von dort aus habe ich die komplette Westküste von Vancouver bis San Diego bereist. Meine Laufstrecke führte im nordwestlichen Teil von Portland immer durch einige Studenten-Viertel zur Universität und über den Willamette River. Dort war der Ausgangspunkt für das Quartett Oregon. Es gibt einige Formationen der Modernen Musik im Grenzbereich, die obwohl sie der Masse bis heute recht unbekannt geblieben sind, den Fachkreisen und dem harten Fan-Kern immer wieder Schauer über den Rücken laufen lassen. Die Musik von Oregon wird grob im Dreieck von Improvisation, Kammer, Avantgarde eingeordnet. Für mich sind diese Schubladen unerheblich, denn wer sich nur einmal den Instrumental-Titel »Aurora« vom zweiten Vanguard-Album »Distant Hills« (1973) angehört hat, der wird verstehen wie unwichtig eine Einordnung ist. Zuvor hatten sie schon zwei Studio-Alben eingespielt, dass erst viel später veröffentlichte »Our First Record« (1970: Increase Records, 1980: erstmals VÖ bei Vanguard) und »Music Of Another Present Era« (1972, Musik einer anderen gegenwärtigen Zeit). Aber alles begann 1966/67 in Portland an der Universität von Oregon. Dort kamen Ralph Towner und Glen Moore über das Studium zusammen, traten schon 1968 für mehrere Monate in Clubs und bei kleinen Veranstaltungen in der Region auf. 1969 kam Collin Walcott, 1970 dann Paul McCandless dazu, alle spielten auch zusammen bei der Band von Paul Winter. Im Juli 1971 war dann Oregon geboren.

Paul Winter Consort – Diese Truppe um Band-Leader und Saxophonist Paul Winter war schon bei Gründung 1967 ein echtes Kollektiv von Extremisten. Deren Musik markiert schon früh durch Einbeziehen vieler musikalischer Elemente von allen fünf Kontinenten und Hinzunahme für rockige Musik ungewöhnliche Instrumente wie Cello, Oboe, Sitar, Konzert-Gitarre eine besondere Form des Ethno-Jazz-Rock. Das ist mit wechselnden Mitgliedern bis heute unaufgeregt so geblieben. Hier arbeitete in der ersten Phase bereits die Oregon-Urbesetzung zusammen: Ralph Towner (Gitarren), Glen Moore (Kontrabass), Collin Walcott (Perkussion, Sitar), Paul McCandless (Wind Instrumente). Diese moderne Big-Band spielte ab 1968 in kurzen Abständen drei Alben für A&M Records, »The Winter Consort« (1968), »Something In The Wind« (1969), »Road« (1970) und etwas später »Icarus« (1972) für Epic ein. Man muss aber solche Musik mögen beziehungsweise beim Händler des Vertrauens auch finden. Oft wird man bei New Age und Welt-Musik fündig. Das würde aber beispielsweise eher für Paul Horn, David Darling († 08. Januar 2021) oder Georg Deuter zutreffen. Die Qualität der Musik ist über jeden Zweifel erhaben, bestätigt durch vier Grammy-Auszeichnungen von 1994 bis 2010. Eine späte Würdigung für herausragende künstlerische Arbeit, besonders für den Bandgründer und einziger Konstante Paul Winter. Der hat auch noch auf zwei Dutzend Solo-Alben mit verschiedenen Musikern seine Visionen verwirklicht. SchoTTenTipp: Paul Winter – Greatest Hits (DCD Best-Of & Label-Best-Of, 1998), David Darling – Cello Blue (CD, 2001), Paul Horn – Inside The Great Pyramid (CD, 1976), Georg Deuter – Sands Of Time (DCD Studio & Live, 1991).

Oregon: Ralph Towner (1980)

Oregon: Glen Moore (1980)

Oregon: Collin Walcott (1980)

Vom Club zur Welt-Karriere – Bis 1980 hatte das Quartett schon sagenhafte zwölf Alben, zuerst neun bei Vanguard, später drei bei Elektra veröffentlicht. Der Grad der Bekanntheit wuchs immer mehr, besonders auch deshalb, weil ihre Musik nie Langweilig wurde, Qualitativ sich immer auf hohem Niveau bewegte und diese Truppe gleichguter Spitzen-Musiker das auch bei sehr vielen Auftritten (besonders in Clubs) beweisen konnte. Ich selbst konnte mich davon zweimal überzeugen. Zu dieser Zeit waren sie schon Stars der New-Jazz-Szene. Und das bewiesen die vier Meister auf der Bühne unaufgeregt. Die meisten Bilder dieses Beitrags stammen von einem dieser denkwürdigen Konzerte. Nach der weltweiten Konzert-Tour machen Oregon eine längere schöpferische Pause. In dieser Zeit wird der Kontakt zum Münchener Label ECM Records (Edition Of Contemporary Music) intensiver. Hier finden sie genau den Nährboden für ihre neuen kreativen Ideen und mit Steuermann und Produzent Manfred Eicher die Qualitäts-Maniacs für ihre perfekte Behandlung ihrer akustischen Gerätschaften: Klavier, A-Gitarren, Sitar, Tablas, Flöte, Oboe, Cello, Kontra-Bass. Das Quartett spielt für ECM »Oregon« (1983), »Crossing« (1985), »Ecotopia« (1987) ein, wunderbare zeitlose Alben. Wermutstropfen ist der tragische Tod von Collin Walcott bei einem Auto-Unfall während einer Tour 1984 in der ehemaligen DDR. Aufgeben hätte Collin nicht gewollt und dieser Ausnahme-Band auch nicht genutzt. Schon 1985 arbeitet Trilok Gurtu für die nächsten Jahre an den Schlaginstrumenten. Eine gute Wahl, die Collin sicher unterstützt hätte.

Oregon: Ralph & Paul (1980)

Es entstehen noch einmal drei starke Alben bei veraBra Records, »45th Parallel« (1989), »Always, Never, And Forever« (1991), »Troika« (1994), alle weit über dem Durschnitt. Das Studio-Album »Beyond Words« (1995) spielten Towner, Moore, McCandless dann als Trio ein. Zum Album »Northwest Passage« (1997) kam auch Mark Walker zunächst nur für einige Stücke hinzu, später wurde er festes Mitglied. Im Frühjahr 2015 trennte sich Moore von Oregon. Er wollte mehr Zeit für seine eigene Musik und Familie haben. Für Glen Moore kam Paolino Dalla Porta in das Ensemble. Alle Mitglieder von Oregon haben auch sehr gute Solowerke eingespielt, oft waren auch die Kollegen daran mit beteiligt. Das Quartett spielte in der Urbesetzung über 80 verschiedene Instrumente, daher ist der Reichtum an Melodien, Harmonik, Klangfarben, gestaffelter Dynamik ähnlich wie in der klassischen Kammer-Musik, hier aber weltumspannend mit Anleihen von allen Kontinenten. In dieser Form unerreicht und einzigartig. SchoTTenTipp: Oregon With The Moscow Tchaikovsky Symphony Orchestra (CD, 2000), Chronicles (3CD, 2004).

Oregon: Ralph Towner (1980)

Ralph Towner – Am ersten März im Schaltjahr geboren wie ich, er ist 2020 sagenhafte 80 Jahre alt geworden (20 wenn er am 29. Februar das Licht der Welt erblickt hätte). Er hat eigentlich Trompete gelernt, das Klavier erlernt er autodidaktisch, seine Liebe galt aber der klassischen Gitarre, die er intensiv bei Karl Scheit jeweils ein Jahr 1963 und 1967 in Wien erlernte. Dessen Einfluss hebt Towner in Gesprächen noch heute immer wieder hervor. Sein Gitarrenspiel auf den akustischen Instrumenten ist atemberaubend, seine Art sie zu Benutzen sehr besonders. Ralph Towner hat mit fast allen Größen des New-Jazz zusammen musiziert (auch in seiner Supergruppe Solstice), war gern gesehener Gast bei zahllosen Produktionen, ist praktisch schon fast überall auf diesem Globus aufgetreten, hat dutzende Preise erhalten. Er hat Orchesterwerke, Kammermusik für Gitarre und Film-Musik komponiert. Auch das Buch »Suite For Guitar« (2000) über Spieltechnik und Improvisation auf der klassischen Gitarre hat er herausgebracht. Ralph Towner: „Ich finde akustische Instrumente sympathischer als elektrische. Die Gitarre beeinflusste das Klavier und umgekehrt, beides klingt heute bei mir ziemlich ähnlich. Ich behandle die Gitarre nämlich wie ein Tasteninstrument und habe das Empfinden, dass ich darauf ebenso mit beiden Händen spiele wie auf dem Klavier. Ich behandle die Gitarre oft wie ein Piano-Trio. Wenn ich Solo spiele, ist es fast wie eine Ein-Mann-Band.” Er gehört mit Pat Metheny, Al Di Meola und John McLaughlin zu den Superstars an der akustischen Jazz-Gitarre. Er ist immer noch auch im deutschsprachigen Raum unterwegs, hört es euch an. SchoTTenTipp: Solstice (CD, mit Jan Garbarek, Eberhard Weber, Jon Christensen, 1975).

Oregon: Glen Moore (1980)

Glen Moore – Jetzt kommen wir zum einzigen gebürtigen Portländer, Baujahr 1941. Bevor er Ralph Towner an der Universität von Oregon trifft, hat Moore klassischen Klavierunterricht, spielte Kontrabass im Schulorchester, brachte sich Grundlagen des Jazz und der freien Improvisation selbst bei, tritt zusammen mit dem Saxophonisten Jim Pepper bei den Young Oregonians erstmals in Portland öffentlich auf. Die Geschichte danach habe ich mit Paul Winter Consort und Oregon ja bereits schon erwähnt. In den 90igern war Glen mehrmals mit dem in München lebenden libanesischen Oud-Virtuosen Rabih Abou-Khalil auf Tournee und hat an einem halben Dutzend seiner Alben mitgewirkt. Im Frühjahr 2015 trennte er sich von Oregon, um mehr Zeit für seine eigene Musik und seine Familie zu haben. SchoTTenTipp: Introducing (CD, 1976).

Oregon: P. McCandless (1980)

Paul McCandless – Auch Paul stammt aus einer sehr musikalischen Familie, Mutter Pianistin und Großvater & Vater spielten Oboe und Klarinette. Wie nicht anders zu erwarten beschäftigt sich Paul seit seiner Kindheit ebenfalls mit Musik. Aber erst 1967 begann Paul McCandless sich auf sein Haupt-Instrument Oboe zu konzentrieren und wechselte an die Manhattan School Of Music; sein Lehrer war der Oboist Robert Bloom (bekannter Orchester-Musiker). Über ihn kam er zu Paul Winter. Bis heute ist er seit 50 Jahren an der Seite von Ralph Towner die Konstante bei Oregon. Aber auch er hat ein Leben neben der Stamm-Band. Beispielsweise sein eigenes Trio mit dem Pianisten Art Lande und Dave Samuels (1979: All The Mornings Bring, 1981: Skylight). SchoTTenTipp: Premonition (CD, mit Lyle Mays, Mark Walker und weiteren, 1992).

Oregon: Collin Walcott (1980)

Collin Walcott – Gefühlvolle Sitar (Lehrer: Ravi Shankar) und Ethno-Perkussion mittels Tabla, Sanza, Congas, Hammer Dulcimer und vieles mehr (Lehrer: Alla Rakha), eine äußerst gute Kombination. Er stammt aus einer Musiker-Familie, sein Rüstzeug erlernte er an Geige, Schlagzeug, Pauke und singen von Madrigalen. Zuerst tätig beim Welt-Musik-Pionier Tony Scott (1968: Music For Yoga Meditation And Other Joys) und beim Folk-Blueser Tim Hardin (1971: Bird On A Wire). Collin arbeitet auch im Ensemble des Multi-Talent Meredith Monk (1971: Key), ist dann Gast bei Miles Davis (1972: On The Corner) und mit entsprechender Reputation dann tragendes Mitglied bei Paul Winter Consort und Oregon. Mit Don Cherry und Naná Vasconcelos formiert er später die stilprägende Ethno-Jazz-Gruppe Codona, in der sehr früh eine Synthese von indischer, afrikanischer und lateinamerikanischer Musik auf der Basis des Jazz entwickelte wurde. Collin Walcott starb am 08. November 1984 tragisch bei einem Bus-Unfall auf einer ostdeutschen Transit-Autobahn nähe Magdeburg während einer Tournee mit seinen Kollegen von Oregon. Collin ist der bisher einzige Spieler aus den nichtindischen Regionen (inklusive direkte Nachbarn), der als Virtuose an Sitar UND Tabla internationale Anerkennung gefunden hat. Seine besondere Leistung besteht darin, dass er die Spielweise dieser klassischen indischen Instrumente für die Musik anderer asiatischen Musiker öffnete, aber auch darüber hinaus mit der Rhythmik und Spiel-Technik des Orients, Afrikas, Brasiliens, Europas verknüpfte. Damit hat er früh mit seiner Art, wie er es nannte, nicht-idiomatischen, musizierend Völkerverbindende Pionierarbeit geleistet. Collin Walcott: „Weltmusik ist ein Model, wie Menschen auf unserem übervölkerten Planeten humaner und rücksichtsvoller miteinander leben könnten“. Große Fußstapfen in jeder Hinsicht für seinen Nachfolger Trilok Gurtu aus Bombay, der ebenso virtuos Tabla und Jazz-Schlagzeug spielte. SchoTTenTipp: Works (CD, Solos, Codona 1 bis 3 und ein letzter nur einen Monat vor seinem Tod entstandener Song mit Oregon, 1984).

Ralph Towner: Diary (1974)

Glen Moore: Introducing (1976)

Collin Walcott: Codona (1979)

Aktuell ist Oregon 1974 bei MIG erschienen. Hier handelt es sich um den Mitschnitt eines Radiokonzerts aus dem Sendesaal von Radio Bremen (Studio F) vom 14. März 1974. Ich habe Oregon mit einem lebensfrohen Collin Walcott selbst zweimal genießen können. Unvergessliche Momente die ich gemeinsam mit Christa, die bis heute meine Leidenschaft für ungewöhnliche Musik teilt, erleben durfte. Klingende Grüsse, Der SchoTTe

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