Jeannie C. Riley

Der Song «Harper Valley P.T.A.» der Jeannie C. Riley 1968 aus dem Nichts zum Star machte ist aus emanzipatorischer Perspektive betrachtet vermutlich der ultimative Kontrapunkt zu «Stand By Your Man» von Tammy Wynette. «Stand By Your Man» beschwor die klassische Geschlechterrolle bei der die Frau dem Manne untertan sei, Lebenszweck einer Frau sollte nach der traditionellen, weit verbreiteten Meinung Mitte des 20. Jahrhunderts darin bestehen, einem Patriarchen treu zu dienen und seine Kinder zu gebären und gross zu ziehen. Punkt, Ende der Diskussion und Klappe halten, wer sich diesen Regeln nicht unterwerfen wollte wurde von der Gesellschaft geächtet und gemassregelt.

Das von Tom T. Hall verfasste «Harper Valley P.T.A.» war äusserst provokant im biederen Universum der amerikanischen County-Musik der 1960er. Die mächtigen Köpfe der Plattenindustrie bevorzugten das klassische Rollenbild in dem ein richtiger Mann nach getanem Tagwerk sein verdientes Steak und die dazugehörigen Bohnen vertilgt, mit dem allabendlichen Bier runterschwemmt und dann zu seinem ihm aufschauenden Eheweib greift. Und wehe die Lady ist nicht willig, dann setzt es Schläge. Den Aufstieg der jungen Musiker-Generation wurde in Nashville damals kritisch betrachtet, neben den Outlaws Willie Nelson und Johnny Cash mischten sich jetzt plötzlich auch noch Typen wie Bob Dylan, Kris Kristofferson oder Waylon Jennings in ihr lukratives Geschäft ein, allesamt Kerle die keine althergebrachten, konservativen Werte vertraten. Die Countrymusik-Industrie musste sich damals aber mit den Gegebenheiten arrangieren und Kompromisse eingehen, eine wie Dolly Parton durfte man sich keinesfalls entgehen lassen, auch wenn die sich keinen Maulkorb verpassen liess und dementsprechende Songs verfasste und sang. Die Kontrolle über die Macht (Plattenfirmen, Studios, Produktionsfirmen, Radiostationen, Konzertlokale) konnte sich dieser typisch amerikanische Industriezweig der Unterhaltungsbranche aber weiterhin über Jahrzehnte erhalten.

«Harper Valley P.T.A.» erzählt die Geschichte der alleinerziehenden Mutter Mrs. Johnson die sich vor dem Elternbeirat der Schule ihrer Tochter verantworten muss. Sie wird für das Tragen von Miniröcken kritisiert und dass sie sich mit den falschen Männern einlasse und so gesehen ein schlechtes Vorbild für ihre Tochter, respektive die Kinder und die gesamte Bevölkerung der Kleinstadt sei. Die angeprangerte Protagonistin lässt das allerdings nicht auf sich sitzen und hält den kritisierenden Behördenmitgliedern den Spiegel vor: Und schon bröselt der Verputz von der heilen Fassade, ausnahmslos horten ihre Kritiker Geheimnisse von denen sie dachten sie hätten sie sicher verwahrt. «Harper Valley P.T.A.» ist so betrachtet ein Stück pure Southern Gothic in der eine idealisierte Wunschwelt kollabiert und in sich zusammenstürzt, es beinhaltet Sozialkritik und ist ein Angriff auf fest verankerte Institutionen und zementierte Gesellschaftsformen.


Für den jungen Songwriter Tom T. Hall (der optisch zwar wie ein herumtingelnder Staubsauger- oder Schuhcremevertreter aussah, allerdings ein scharfer Beobachter war und zu Beginn seiner Laufbahn ein paar klasse Songs schrieb, später wurde er eher zum Langweiler), den Produzenten Shelby Singleton und seine eben erst gegründete, von Grosskonzernen unabhängige Plattenfirma Plantation Records bedeutete die Single «Harper Valley P.T.A.» der Durchbruch, innert weniger Wochen verkaufte sich die Kurzrille millionenfach, Jeannie C. Riley war damit die erste Frau die mit einem identischen Titel sowohl Country- als auch Popcharts anführte, 1969 verlieh man ihr dafür eine Grammy-Auszeichnung.

Für die 1946 geborene und aus Texas stammende Jeannie C. Riley die bis dahin als Sekretärin in einem Musikverlag gearbeitet hatte und deren Karriere als Sängerin in Nashville bislang eher verhalten angelaufen war änderte sich ebenfalls einiges, sie wurde über Nacht zum Star der sowohl Country- wie auch Popcharts aufmischte mit ihrem Crossover-Hit. In der Rolle der unangepassten, aufmüpfigen Querulantin die ihr auferlegt wurde fühlte sie sich allerdings von Anfang an nicht wohl, anstatt Miniröcke und Go-Go-Boots hätte sie lieber opulente und verschnörkelte, knöchellange Country-Mode getragen und wie viele ihrer Kolleginnen Lieder mit weniger Tiefgang gesungen. Schliesslich war sie ja seit 1964 verheiratet und seit 1966 Mutter einer kleinen Tochter, da ziemte sich so ein freches NancySinatra-Gehabe doch nicht. Das Image einer Femme Fatale / Southern Belle wurde vom Management allerdings aufrechterhalten und im Fahrwasser der Hitsingle entstand das gleichnamige Album das mit weiteren hintergründigen Stories zu den Mitgliedern der Elternkommission in «Harper Valley P.T.A.» aufwarten konnte. «Run Jeannie Run», ebenfalls von der Debut-LP, ist ein weiteres hinterwäldlerisches Familien-Drama das sich durchaus hören lassen kann, da passen die dunkle Story (frei nach dem Motto: Wieviel Leid erträgt ein Mensch?), die raue Stimme von Jeannie, die groovy Begleitband (die im weiteren Verlauf des Songs von einem Kammerorchester unterstützt wird) perfekt zusammen. Und dann dieser Refrain der Marke «to die for», da frage ich mich bloss, weshalb hier nach drei Minuten und zwanzig Sekunden ausgeblendet wurde, meiner Meinung nach könnte die Nummer ewig so weiter gehen.

Um die Gunst der Stunde zu nutzen veröffentlichte der Produzent Aubrey Mayhew einen Longplayer mit überarbeiteten Demobändern die Jeannie vor dem Erfolg von «Harper Valley P.T.A.» aufgenommen hatte, die LP Sock Soul fand aber zu Recht keine grosse Beachtung da sie relativ «gewöhnliche» Countrymusic zu bieten hatte.


1969 erschienen gleich zwei Jeannie-Alben, Yearbooks And Yesterdays (ein Themenalbum, E-Sitar spielte der Dobro-Gitarrist Jerry Kennedy, einer der wenigen Studiomusiker die bei den Riley-Recordings namentlich erwähnt wurde) mit klasse Tracks wie «What Was Her Name» und «Edna Burgoo» (eine weitere skurrile Gestalt, sie gewinnt ein Volleyball-Spiel im Alleingang) und die Hammerscheibe Things Go Better With Love (mit aufklappbarer Plattenhülle), ohne allerdings an den Erfolg von Harper Valley P.T.A. anknüpfen zu können. Es zeichnete sich schnell ab, dass die Sängerin trotz gut laufendem Geschäft und Charts-Erfolgen an ihrem Hit kleben blieb, es wurde die Nummer die sie scheinbar endlos bei TV-Auftritten zu präsentieren hatte. Vermutlich deshalb blieben viele ihrer hervorragenden Songs einem grösseren Publikum verborgen, Jeannie und ihr Producer Shelby Singleton hatten bei «A Real Woman» furiosen Pop’n’Soul und bei «The Rib» betörenden Country-Rock im Angebot, spannend und geerdet, meist frei von weinerlichen Pedal-Steel-Klängen, dafür mit angesagter E-Sitar wie bei «The Back Side Of Dallas» vom erwähnten Love-Album das ich insgesamt empfehlen möchte falls jemand am Thema «Electric Sitar & Country Music» interessiert sein sollte.



1970 warf Jeannie mit The Generation Gap und Country Girl (das wohl konventionellste Riley-Album bei Plantation) zwei weitere starke Alben auf den Markt, zusätzlich erschienen auch Split-LP’s mit Johnny Cash. Jeannie Riley kämpfte zu der Zeit aber auch zunehmend mit Alkoholproblemen, schlussendlich folgte die Scheidung von ihrem Ehemann Mickey Riley, ein paar Jahre später heirateten sie dann allerdings erneut.


Als 1971 der Vertrag mit Plantation Records auslief wechselte Jeannie zu MGM. Plantation veröffentlichte nach dem Abgang ihres Stars noch die LP Jeannie mit bis dato unveröffentlichtem Archiv-Material und den letzten Singles die noch vor dem Labelwechsel erschienen waren.

Jeannie nutzte die Gelegenheit und warf das ungeliebte Image über Bord, sprich Miniröcke und Boots landeten im Müll und wurden durch züchtige Gewänder ersetzt. Während bei Plantation die Songlieferanten die Kompositionen auf das Image von Jeannie abgestimmt und angepasst hatten, bewegte sich die Chose musikalisch und thematisch bei den vier MGM-Alben wieder massiv in Richtung Tradition, mitunter vielleicht ein Grund, dass die Platten bis heute nie mehr neu aufgelegt wurden, da dran änderte offenbar noch nicht mal die gelungene Coverversion «Hush» von 1973 etwas.


1978 erhielt «Harper Valley P.T.A.» im Zuge der gleichnamigen Filmkomödie mit Barbara Eden (TV-Serie «Bezaubernde Jeannie») nochmals Auftrieb da die Nummer selbstverständlich als Titelsong für den Streifen verwendet wurde. Ganz ehrlich gesagt wird das Machwerk dem Song aber nicht gerecht und gehört in die Kategorie «Filme zum sofortigen Vergessen».

Jeannie C. Riley wechselte Ende 70er zum Gospel, als «Born Again Christian» widmete sie sich nun mehrheitlich kirchlich eingefärbter Unterhaltung, sie produzierte zwischendurch aber auch immer wieder mal Platten mit «weltlicher Musik», so z.B. 1984 das wieder von Tom T. Hall geschriebene Sequel «Return To Harper Valley» das allerdings sang- und klanglos unterging.

Die Plantation-Alben wurden 2013 von Charly auf 2 CDs wiederveröffentlicht und da verzeihe ich sogar, dass der Trennstrich quer durch das Killer-Album Things Go Better With Love geht. Insofern ist das aber verkraftbar da sowohl die musikalische als auch die tontechnische Qualität der versammelten Aufnahmen durchs Band unglaublich hoch ist. Unter den insgesamt 58 Titeln entdecke ich laufend neue Perlen, faszinierende zwischen Country, Tex-Mex, Soul und Rock pendelnde Kracher. Derzeit führt gerade «Real Woman» meine persönliche Playlist an. Ja, und auch hier wieder mit elegant eingewobener E-Sitar in Kombination mit Orgel und schmissigem Gebläse… I love it…

LONG LIVE SOUTHERN’GOTHIC’COUNTRY’ROCK’N’SOUL!
mellow

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