Mickey & Sylvia

Die Gitarre war und ist in der Geschichte der populären Musik das bevorzugte Instrument der Männer. Eigentlich ja nur ein Stück Holz mit stählernen Drähten (in der elektrischen Variante mit Kabelfortsatz und dazugehörigem Brüllboxanhängseln), trotzdem wurde es zum klassischen Sinnbild der Männlichkeit des 20. Jahrhunderts und löste vielerorts auf friedliche Art und Weise uralte Phallus-Symbole wie Keule, Schwert, Lanze oder Gewehr ab.

Dass sich Frauen an diesem typisch männlichen Spielzeug versuchten war lange eher die Ausnahme, die meist akustischen Gitarren wurden höchstens als Accessoire gebraucht um sinnliche Aspekte bei Fotoshootings zu kreieren, siehe Marilyn Monroe. In wenigen Fällen rissen Frauen selber an den Saiten von E-Gitarren, so zum Beispiel beim Erfinder, Soundtüftler und Musiker Les Paul der seine Gattin Mary Ford gerne einspannte wenn er doch nicht alles alleine spielen konnte und auf eine zweite Gitarre angewiesen war.


 

Auf dem Gebiet des Blues wurden schon eher mal  die Rollen getauscht, hier möchte ich auf die furiose Godmother Of Rock & Roll, auf die ursprüngliche Gospelsängerin Sister Rosetta Tharpe hinweisen, auf ihren Gibson-Gerätschaften wütete sie traumwandlerisch sicher mit geschlossenen Augen herum während sie sich parallel dazu den Blues aus dem Leib brüllte. Auch Bo Diddley erkannte schon früh welch aphrodisierende Wirkung eine Frau mit umgeschnallter Stromgitarre auf das Publikum haben konnte, zuerst sicherte er sich die Dienste von Peggy „Lady Bo“ Jones, danach bearbeitete Norma-Jean „The Duchess” Wofford gleichberechtigt die zweite Gitarre neben dem Meister des Primitiv-Grooves.

Das aus New York stammende Duo Mickey & Sylvia ist heutzutage vielleicht weniger bekannt, aber das Frau/Mann-Tandem-Konzept mit zwei gleichberechtigten Mitspielern funktionierte ausgezeichnet, als Beweis dienen die grandiosen Aufnahmen die sie ab 1955 machten und bei denen sich vor allem Sylvia als Songwriterin in Szene setzte.


Sylvia Vanderpool war eigentlich eine Gitarrenschülerin von Mickey Baker, einem Ausnahmegitarristen der in jedem Stil zuhause war, und sie war talentiert, hatte so viel Talent, dass der Lehrer mit ihr zusammen das Duo Mickey & Sylvia gründete. Mickey gehörte ab 1953 zur Studioband von Atlantic Records (zusammen mit King Curtis) und begleitete unzählige Artisten aus den Bereichen Blues, R&B und R&R, er schrieb aber auch Lehrbücher („Complete Course In Jazz Guitar“ / „Complete Handbook For The Music Arranger“ etc.) die bis heute als Standardwerke gelten.

Die Single „Love Is Strange“ von 1957, ein Titel von Bo Diddley, wurde ein veritabler Hit. Als Komponist gab Bo allerdings, weshalb auch immer, den Namen seiner Frau an, Ethel Smith. Mickey & Sylvia waren allerdings eher der Meinung sie selber hätten den Titel basierend auf einem Riff von Jody Williams geschrieben und zudem sei auch der Text von ihnen gewesen. Nun, da von der Single eine Million Exemplare über die Ladentheken gingen, waren schlussendlich wohl alle Beteiligten recht happy. Musikalisch bewegten sich Mickey & Sylvia mehrheitlich im R&B-Bereich, manchmal ging der Zeiger etwas mehr in die harte Richtung (Blues-) Rock wie bei „No Good Lover“, manchmal drehte er eher aber auch auf die karibische Inselwelt („To Much Weight“ / „Se De Boom Run Dun“).

Das Konzept des Frage/Antwort-Zwiegesprächs von „Love Is Strange“ wendete das Duo auch bei anderen Nummern an, der Erfolg ihres Hits liess sich damit allerdings nicht wiederholen, „Love“ blieb ihr alleiniger Smashhit. Der Titel geriet über die Jahrzehnte nie in Vergessenheit da er immer wieder in Filmsoundtracks Verwendung fand, er tauchte auch in Dirty Dancing auf. 1957 erschien in Form von New Sounds die einzige LP zur Zeit ihres Bestehens, ein durchgehend schmissiges, hochkarätiges Meisterwerk der Kategorie R&B, Schwachpunkte sucht man da drauf vergebens. Im Zuge des Erfolges ihrer Hitsingle lief es auch „live“ ausgezeichnet, Mickey & Sylvia wurden auf zahlreiche Tourpackages mit angesagten R&R-Acts gebucht.

Nachdem sich die Wege von Mickey & Sylvia 1959 getrennt hatten, veröffentlichte Mickey Baker sein erstes Soloalbum: The Wildest Guitar verzichtete auf Gesang und ist ein Lehrstück in Sachen… na was wohl? Richtig geraten, es ist ein instrumentales Vorzeigestück bei dem sich alles um das eingangs erwähnte Stahlsaiten-Brett dreht.


Mickey brach dann 1964 seine Zelte in NY ab und wanderte nach Frankreich aus. Er setzte dort seine Karriere fort, begleitete Memphis Slim und den ebenfalls emigrierten „Franzosen“ Champion Jack Dupree. 1973 beteiligte er sich an einem Projekt zusammen mit dem Posaunisten Gene „Mighty Flea“ Connors, Drummer war kein Geringerer als Pete York. 1975 gab es eine dänische Produktion mit Søren Engel, dem Bassisten der Delta Blues- und der Delta-Cross Band, dem Projekt des Gitarristen Billy Cross der zuvor in Diensten von Bob Dylan stand. 1976 machte Mickey mit Blues & Jazz Guitar ein exzellentes Album mit dem Fingerpicking-Virtuosen Stefan Grossman. Viele seiner späteren Tonträger fanden keine allzu grosse Verbreitung da sie ausschliesslich in Frankreich veröffentlicht wurden. 2012 verstarb Mickey Baker im Alter von 87 Jahren in der Nähe von Toulouse.

Sylvia heiratete und hiess fortan Sylvia Robinson. Die Gitarre hängte sie zwar an den Haken, ihre Gesangskarriere gab sie aber nicht auf, mit „Pillow Talk“ landete sie 1973 sogar einen Hit, ausserdem betrieb sie in den Sixties in Harlem eine Bar. Zwischen all diesen Aktivitäten zog die vielbeschäftigte Musikerin drei Kinder gross. Der grosse Clou gelang ihr 1979 zusammen mit Ehemann Joseph Robinson mit der Gründung von Sugar Hill Records, eine der ersten eigentlichen Keimzellen des Hip Hop, jedenfalls wurde „Rapper’s Delight“ von The Sugarhill Gang zu einem der ersten grossen Szene-Hits. Sylvia wechselte dann definitiv die Seite und stürzte sich ab da als Produzentin in die Arbeit. Sylvia Robinson verstarb 2011 in Secaucus, New Jersey im Alter von 76 Jahren.

Der Einfluss von Mickey & Sylvia auf die junge britische Musikergeneration darf nicht unterschätzt werden, in ihrem Repertoire fanden sich zahlreiche Songs die garantiert auch auf der Insel aufmerksam angehört wurden. Allerdings eher von Jungs, weil sonst hätte sich ja auch junge Britinnen mit E-Gitarren eingedeckt und genau das geschah ja nicht.

LONG LIVE RHYTHM & BLUES!
mellow

 

Mickey & Sylvia veröffentlichten bis auf die LP New Sounds in erster Linie Singles, 1965 erschien eine erste Compilation. Die mir vorliegende CD ist eine um die 65er-LP Love Is Strange erweiterte Edition von New Sounds.

Mickey & Sylvia – New Sounds
(2016, CD, Compilation, Hoodoo Records)
1. Love Will Make You Fail In School
2. Peace Of Mind
3. Rise Sally Rise
4. Say The Word
5. Who Knows Why?
6. Say The Word
7. Too Much Weight
8. Where Is My Honey
9. Seems Like Just Yesterday
10. A New Idea On Love
11. I’ve Got A Feeling
12. Shake It Up
13. Love Is Strange
14. I’m Going Home
15. No Good Lover
16. Oh Yeah! Uh Huh
17. It’s You I Love
18. I’m So Glad
19. Love Session
20. Se De Boom Run Dun
21. Gonna Work Out Fine
22. There Outta Be A Law
23. There’ll Be No Backin’ Out
24. In My Heart

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