The Lurkers – God’s Lonely Men (1979) 

Three weeks were up and
the LP was sounding like shit.

(Zitat Pete Haynes, aka Manic Esso)


Soweit die Anmerkung des Drummers der Lurkers zur Produktion von God’s Lonely Men. Nun, es war bestimmt ein wenig verrückt, eine Band aus der englischen Punk-Szene in den Süden der USA zu schicken um sie in Alabama eine Platte aufnehmen zu lassen, sie fühlten sich unter diesen Fremden wie Aliens, vermuteten hinter jeder Ecke Mitglieder des Ku-Klux-Klan. Aber so hatten es ihre Plattenfirma Beggars Banquet und der amerikanische Producer Phillip Jarrell gewollt. Um ihren gewohnten Bierpegel aufrecht zu erhalten, fuhr sie Jarrell während ihres Aufenthaltes denn auch regelmässig die 22 Meilen rüber nach Tennessee, wo der Alkohol wie für Engländer gewohnt, ganz legal in Restaurants erhältlich war.

The Lurkers stammten aus West-London, aus einfachen Verhältnissen, Arbeiterkids. Als sie ’76 als Band loslegten, kam gleichzeitig die Punkgeschichte ins Rollen und irgendwie wurden sie da immer dazugezählt obwohl sie in dieser Szene stets Aussenseiter blieben. Es gab bei den Lurkers weder Rasierklingen, Sicherheitsnadeln, Irokesenfrisuren noch gestylte Mode aus den hypen Londoner Punkmode-Shops. Bei den Lurkers waren, weil man sich nichts anderes leisten konnte, Klamotten aus dem Second-Hand-Shop angesagt. Der Vater von Paul Weller der gleichzeitig Manager von The Jam, der Band seines Sohnes war, schenkte Pete Stride dem Gitarristen der Lurkers einmal aus Mitleid einen Satz Saiten als er sah in welch erbärmlichen Zustand sich seine Drähte befanden. Jahrelang tourte die Band durch England, wurde verprügelt und bestohlen weil sich die Mittelschicht eben gerne über sozial noch tiefer angesiedelte Mitmenschen hermachte.

Eine Irland-Tour wurde zum Desaster, die Lurkers strandeten im vom Bürgerkrieg zerfressenen Belfast. Ein klassisches “miss booking” wie Esso in seiner Biographie resümiert. Dennoch machten sie in wechselnder Besetzung bis 1984 weiter, schliesslich hatte man einen Job, selbst wenn der genau so hart war wie der eines Bauarbeiters. Esso erkannte die Gefahren des Business, hatte miterlebt wie mit David Byron und Keith Moon, zwei Stars die er kennengelernt hatte, binnen eines Jahres ihrem exzessiven, ausschweifenden Lebenswandel erlagen.


Nach dem Ende der Lurkers begannen er und Bassist Nigel Moore zusammen zu studieren, Pete Stride und Sänger Howard Wall verschwanden in der Versenkung. Bassist Arturo Bassick der 1979 kurz vor der Auflösung der Lurkers die frei gewordene Stelle des Tieftöners von Moore übernahm, reformierte 1987 mit Hilfe der Toten Hosen eine Neuauflage der Lurkers und ist seither unter diesem Namen “on the road” und in Tonstudios anzutreffen. Esso versuchte sich nach den Lurkers zeitweise als Rosenverkäufer.

The Lurkers’ erster Longplayer Fulham Fallout (1977) war noch recht ungehobelt, aber eigentlich genau das, was man sich unter ursprünglichem Punkrock vorzustellen hat. Unbehauen, schräg, naiv, dilettantisch… und doch irgendwie sympathisch. (CD von Captain Oi!, 12 Bonustracks)

Die zweite LP God’s Lonely Men (1979) die eingangs meiner Schreibe von Esso ziemlich zerzaust wird, war für mich jedoch der berühmte “Blitz aus heiterem Himmel”. Noch selten hat mich eine Platte von Beginn an derart berührt. Das war nicht wirklich Punk, für mich war das eher eine Form von grundehrlichem, donnerndem frischem Streetrock. Wer weiss, vielleicht war das aber auch schon New Wave, hier verschwimmen die Linien der Genres. Kein Aufruf zur Rebellion sondern meist Texte über randständige, einfache Leute. Alleine der Opener “She Knows” ist ein solcher Ohrwurm, dass er den Besitz dieses Albums rechtfertigt. Desgleichen “God’s Lonely Men”, “Out In The Dark”, “Take Me Back To Babylon” oder “Sleep On Diamonds Forever”. Brillante kleine Songs die für mich zu Evergreens wurden und die mich dazu veranlassten in Ehrfurcht von den Lurkers zu sprechen. Ja, ich gestehe, ich gehöre wohl auch zu der Sippe die The Lurkers zum Kult hochstilisierte. Auf dem ausgezeichneten CD-Reissue von Captain Oi! finden sich satte 11 Bonustracks, darunter auch das BBC-boykottierte “Just Thirteen”, das famose “New Guitar In Town” und das an die Stones erinnernde, krachende “Little Ole Wine Drinker Me”, beide mit Howard’s Nachfolger Marc Fincham eingespielt.

LONG LIVE ROCK!
mellow

 


The Lurkers – God’s Lonely Men
(LP, 1979, Beggars Banquet / CD, 1997, Capatain Oi!)
1. She Knows
2. God’s Lonely Men
3. Out In The Dark
4. Cyanide
5. Whatever Happened To Mary
6. Take Me back To Babylon
7. Room 309
8. I’ll Be With You
9. Non-Contender
10. Seven O’Clock Someday
11. Sleep On Diamonds
12. Bad Times
Bonustracks CD:
13. Just Thirteen
14. Countdown
15. Suzie Is A Floozie
16. Cyanide (Pub Version)
17. New Guitar In Town
18. Little Ole Wine Drinker Me
19. Cold Old Night (Demo)
20. Pick Me Up (Demo)
21. Mary’s Coming Home
22. New Guitar In Town (Demo)
23. Little Ole Wine Drinker Me (Demo)

Literatur:
God’s Lonely Men von Pete Haynes,
2007, Headhunter Books.

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