Radio Stars

Gegründet wurden die englische Band Radio Stars im Jahr 1977 von Mitgliedern der kurzlebigen Glamrockband Jet denen auch der Gitarrist David O‘List (ex The Nice) angehörte und die 1975 eine von Roy Thomas Baker (Nazareth, Queen, Hawkwind, Be-Bop Deluxe etc.) produzierte LP veröffentlichten. Der Jet-Sänger Andy Ellison war ebenfalls kein Unbekannter, er gehörte zwischen 1966 und 1968 zu John’s Children, der legendären Modband mit Marc Bolan die von einer Who-Tour flog weil sie den Headlinern die Show stahl.


Den Namen von Bassist Martin Gordon konnte man erstmals auf der Hülle von Sparks‘ LP Kimono My House (1974) lesen. Um die LP und die ausgekoppelten Singles zu promoten wurden Jet von CBS als Supporting Act auf eine Tour von Ian Hunter & Mick Ronson geschickt. Wie so oft erntete eine Band viel Lob von Presse und Publikum, die Plattenfirma sah hingegen nur die Verkaufszahlen und schickte Jet wieder in die Wüste. Vertragslos geworden verliess O’List das sinkende Schiff, seinen Platz übernahm Ian MacLeod. 1976 lösten sich Jet auf.

Ellison, Gordon und McLeod machten nahtlos weiter, anfangs offenbar noch mit Jet-Drummer Chris Townson der ebenfalls bei John’s Children dabei war, er ersetzte 1967 übrigens bei vier Who-Konzerten Keith Moon der sich verletzt hatte bei einer seiner Drumkit-zu-Kleinholz-Aktionen. Nach dessen Abgang alberten sie bei ersten Fotosessions vorerst zu dritt mit dem Model Kelly St. John (die weibliche Stimme auf „Nervous Wreck“) herum.

Bis zur ersten LP wechselten die Schlagzeuger relativ häufig, so oft und schnell, dass sie für Fototermine offenbar gar nicht erst aufgeboten wurden. Auf der ersten LP hiess der Drummer dann Steve Parry, wenigstens  für ein paar Monate war auf personeller Seite Ruhe eingekehrt. Die Record Company Island hatte kein Interesse gezeigt an der motivierten „Nachwuchsband“, das neu gegründete Label Chiswick (ein eigentlicher Gemischtwarenladen, da gab es Punk, Pubrock, New Wave, Rock) hingegen fand Gefallen an „Dirty Pictures“, einer Demo-Aufnahme aus den letzten Jet-Tagen. Die drei Musiker legten sich nun den Bandnamen Radio Stars zu und wurden Labelkollegen der Count Bishops und Gorillas, von Little Bob Story und Lemmy Kilmister‘s neuer Formation Motörhead.


Die Sache lief trotz häufiger Wechsel der Schlagzeuger recht gut an, gleich drei Singles und die LP Songs For Swinging Lovers fanden 1977 den Weg in die Record Shops und in die Independent-Punk-Charts. Zusammen mit The Jam wurden die Radio Stars in die erste Folge von Marc, der TV-Show des alten Bekannten, Glamstars und Punkförderers Marc Bolan eingeladen, sie spielten live „No Russians In Russia“ von ihrer zweiten Single, roh und mit scharfen Kanten versehen. Auch der legendäre DJ John Peel buchte die Radio Stars, insgesamt absolvierten sie drei Sessions in den Maida Vale Studios, danach folgten Tourneen mit Eddie And The Hot Rods und Squeeze.

Das Punkkostüm hatten die Radio Stars (die durch die Ramones dazu animiert wurden alles immer wenig schneller zu spielen) ziemlich schnell abgelegt. Am ehesten lässt sich ihre Musik im Nachhinein mit den Begriffen New Wave mit Punkeinschlag und Powerpop umschreiben. Hauptsongwriter neben Ellison war vor allem Bassist Martin Gordon, er schaute dafür, dass den Radio Stars das Songmaterial nicht ausging. „Nervous Wreck“ stellten die Radio Stars in Top Of The Pops vor, bei Bob HarrisOld Grey Whistle Test gab es ein Doppelpack mit „The Beast Of Barnsley“ und „Dirty Pictures“, auf die Plattenverkäufe hatten diese Aktivitäten leider keinen Einfluss. Songs For Swinging Lovers war trotzdem ein erfrischendes Album, frisch, frech und dynamisch und die Live-Umsetzung mit dem Derwisch Andy Ellison liess nichts zu wünschen übrig.

Beim nicht mehr so überzeugenden Holiday Album (1978) beharkte dann Jamie Crompton das Trommelarsenal, die LP wurde im Studio der Kinks aufgenommen. Die Davies-Brüder liessen sich allerdings nie blicken, nur Graham Chapman von Monty Python, ein Dauergast in der hauseigenen Bar des Konk-Studios, schaute bei den Radio Stars vorbei und beteiligte sich sogar an den Aufnahmen (“Sex In Chains“). Paul Jones hatte bei (I’ve Got Dem Old) Sex In Chains Blues (Again Mama) Part 1 ebenfalls einen Gastauftritt mit der Blues Harp und Chris Gent erweiterte bei zwei weiteren Songs mit seinem Saxophon das musikalische Spektrum. Die Platte die mit „Norwegian Wood“ auch eine Reminiszenz an die Beatles enthielt, erschien offiziell im September 1978, Lieferschwierigkeiten von Chiswick verhinderten aber, dass die LP zur parallel laufenden  Tour auch in den Läden erhältlich war. Neu hinzugekommen war bei Live-Auftritten gerade erst Trevor White (Ex Sparks) als zweiter Gitarrist. Dann ging alles rasend schnell: Im Dezember wechselte Crompton in die Band der Glamrockerin Suzi Quatro, Martin Gordon schmiss das Handtuch und die Radio Stars zerfielen in ihre Einzelteile.

1982 versuchten Andy Ellison und Ian MacLeod einen Neuanfang, sie gaben aber schnell wieder auf. In späteren Jahrzehnten kam es ab und zu kurzen Spass-Reunions mit Ellison, MacLeod und Martin Gordon der sich als Produzent und Songwriter etabliert hatte. Ellison blieb nach den Radio Stars „bandlos“, er absolvierte aber immer wieder mal Gastauftritte, beispielsweise bei der Tributeband T.Rextasy.

2017 veröffentlichte Anagram Records eine Clamshell Box mit den 4 CD’s Songs For Swinging Lovers, Holiday Album, Singles & Rarities und At The BBC, eine Werkschau die keine Wünsche offen lässt.

LONG LIVE POWERPOP!
mellow

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