Neu!, Michael Rother, Klaus Dinger (der Besenwagen kommt!)

Neu!, Michael Rother, Klaus Dinger (der Besenwagen kommt!)

 

Tarsächlich ist das letzte Kapitel das weitaus Schwierigste zum Schreiben. Die Fülle des Materials würde ein Buch rechtfertigen (oder die Beiträge hier im Rockzirkus Blog fast unendlich ausdehnen). Und dazu kommt auch, dass die Geschichte zum grossen Teil im Dunkeln bleibt, einer der Protagonisten sich nicht mehr zu Wort melden kann und der Andere offensichtlich (seit ca. den 80ern) bemüht ist, die Wellen nicht allzu hoch werden zu lassen. Und Letzteres ist auch richtig so, irgendwann ist gut bis … ja, bis einer daherkommt und meint er müsse alles wieder ausgraben. Was hier aber definitiv in der Art nicht passieren wird, dazu fehlen mir verlässliche Angaben und meine Informationen sind bestenfalls aus dritter Hand (sprich Presse).

 

Die Geschichte nahm eine fast bitterböse Wendung nach dem Ende von Neu! und der    Veröffentlichung von “’75”. Damals war das so noch nicht klar und ich selbst kann mich erinnern, dass der Konflikt zwischen Klaus Dinger und Michael Rother in den Medien fast nicht vorkam. Manchmal wurde das zwar kurz angesprochen, aber dann wurde schon wieder die nächste Sau durchs Dorf getrieben. Mitte der 90er-Jahre kam mir das japanische Label Captain Trip unter, welches zur damaligen Zeit in ziemlich rascher Reihenfolge die CDs “Neu! 4”, “Neu! ’72 Live! Düsseldorf” und “La ! Neu? Düsseldorf” veröffentlichte. Ich war zwar extremst überrascht, aber gleichzeitig hörte man schon erste Meldungen, dass das wohl nicht ganz mit rechten Dingen zugegangen sei. Vor allem die beiden ersteren schienen ein Problem zu sein (was sich später ja auch so rausstellte).

 

Die “4” war mich lange ein Stückwerk welches nicht zu Ende gedacht wurde. Man muss hier verstehen, dass die Informationen wirklich spärlich waren und nur in Jahresabständen kleinste Häppchen an die Oeffentlichkeit gelangten. Interessant, und ich muss gestehen, tatsächlich nicht begreifbar, war, dass Michael Rother wieder im Studio mit Klaus Dinger war, aber dem Neustart von Neu! (wenns denn einer war) ging sehr schnell die Luft aus. Diese Kollaboration stand wahrlich unter einem schlechten Stern und im Nachhinein fragt man sich schon, was Michael Rother bewogen haben mag, auf den Versuch einzugehen. Natürlich, nachher ist man immer schlauer.

 

Meine Rezeption der “4” war Mitte der 90er nicht so enthusiastisch, eher ein “Naja”, geht so. Die Frage, ob das aus rein finanziellen Gründen in Japan veröffentlicht wurde, war einige Zeit später auch schon beantwortet, alleine weil Klaus Dinger die Tapes an Captain Trip gab ohne Michael Rother zu involvieren. Der Herr Dinger setzte sich wohl damals über viele Konventionen hinweg und entwickelte sich zu einer Person die nicht mit anderen Meinungen umgehen konnte und seinen eigenen Weg haben musste, auch wenn das hiess, man bricht dabei legale Usanzen. So viel ich weiss lebte Klaus Dinger auch eine Zeit lang in Japan und sah sich wohl als gefragter Mann in diesem Land. Auch ohne die Verträge (wenn da überhaupt welche waren) zwischen Captain Trip und Klaus Dinger, gehen meine Vermutungen dahin, dass Letzterer wohl ziemlich über den Tisch gezogen wurde. Seine geistige Verfassung liess aber auch wohl kaum zu, dass er noch in der Realität ankam. “Erde an Dinger!- Funkstille”.

 

Nachdem das Album (wenns denn eines war) in den 80ern nicht veröffentlicht wurde, schien das Release auf Captain Trip so etwas wie ein Verzweiflungsmanöver von Klaus Dinger zu sein. Sein Status in Japan dürfte nicht annähernd so gross gewesen sein wie er geglaubt hatte (und ihm Glauben gemacht worden ist). Neben seinen mentalen Problemen muss er wohl auch finanzielle Engpässe gehabt haben, aber zumindest was die Geldsorgen angeht, hat er anscheinend doch in seinem Umfeld etwas Unterstützung gehabt. Aber es muss ihm wie ein Befreiungsschlag vorgekommen sein, als er die Tapes für die vorerwähnten 3 CDs als Album veröffentlichen konnte. Ohne zu zynisch zu werden, das hat ihm möglichweise gerade mal einen Kaffee in Tokyos Innenstadt bezahlt. Verdient haben doch wieder nur andere und Klaus Dinger war ihr Hampelmann.

 

Die Aufmachung von “4” ist tiefstens im Debut und der “2” verankert. Obwohl sich diese repetitive Form nicht nur in der Musik durchzog, war es unterdessen etwas mühsam geworden. Keine Einfälle sind keine Einfälle, auch wenn man sich das zum Programm macht. Die “Linernotes” kann man sich schenken, völliger Blödsinn und wenn man etwas mitzuteilen hat, dann gefälligst so, dass man das auch lesen kann. Das vermutliche Zusammenstückeln der Tapes wies aber auch darauf hin, dass die Luft draussen war. Ob es wirklich eine künstlerische Blockade war oder der sich neu anbahnende Streit bereits seinen Teil dazu beigetragen hatte, das entgeht meiner Kenntnis. Vieles tönt auch extremst bemüht und ich möchte wetten, dass Tracks wie “86 Commercial Trash” schlussendlich der Vorhang waren. Für mich etwas vom dümmsten, dass je von Neu! produziert wurde (wahrscheinlich wars aber in der Form nicht mal Neu! gewesen).

 

1996 (oder so) als die CD bei mir auf dem Tisch lag, konnte ich dem Album trotz allen Widrigkeiten (und auf Grund der fehlenden Information) noch etwas abgewinnen. Heute, und das zum ersten Mal, während ich den Text schreibe und mir das Album anhöre, fallen mir zwar schon noch erwähnenswerte Teile auf, aber im Grossen und Ganzen sind das ziemlich billige Effekte welche nicht wirklich clever eingesetzt werden. Vieles ist Füllmaterial. Und es ist eigentlich erstaunlich, kürzlich habe ich die “4” noch als ziemlich gutes Album bezeichnet, würde ich jetzt nicht mehr so stehen lassen. Vielleicht liegts aber auch ganz einfach an meiner Tagesform, im Moment könnte ich die CD wirklich niemanden guten Gewissens empfehlen. Ich verzichte hier auf eine Track to Track Besprechung. Zu belanglos ist das alles.

 

Die “Neu! ’72 Live Düsseldorf” ist ein Etikettenschwindel wie er im Buch steht (und eine der Veröffentlichungen die ohne zutun von Michael Rother auf den Markt kamen). Erstens war das nicht richtig live, sondern da ging es um eine Liveprobe, wobei nicht mal die vor Publikum stattfand. Aber tut euch das nicht an, irgendwie kommen mir hier Fusionmusiker in den 70ern in den Sinn. Uninspiriertes Genudel ohne Ende. Wenn man die Alben von Neu! kennt, dann ist das hier eine Frechheit. Und dazu noch miesester Sound vom Besten! Ich wette mal was, Michael Rother hätte sich mit Händen und Füssen gegen eine Veröffentlichung gewehrt, wenn er gefragt worden wäre.

 

Zu der Zeit kam auch noch eine La! Neu? CD bei Captain Trip auf den Markt. Die Luft war bei Klaus Dinger draussen. Eigentlich gab es nur noch drei Typen von Leuten. Klaus Dinger, der keinen Durchblick mehr hatte und ausgenutzt wurde, die Nasen, die von ihm profitierten (wenn auch wahrscheinlich auf geringem Niveau, es war ja nicht so, dass der Herr Dinger jemals ein Millionenseller war) und die ehemaligen Fans, denen jetzt auch aufgefallen sein musste, dass das Angebot nicht mal das aufgewärmte Essen vom Vortag war, nein, da hatte sich bereits seit langem Schimmel angesetzt. Captain Trip warf damals (in den 90ern) eine stattliche Anzahl an La! Neu? Tonträgern auf den Markt.

 

Aus den Booklets zu den CDs ging klar hervor, dass Herr Dinger sich in einer Abwärtsspirale befand und in einer Blase lebte, wo nur er noch Recht hatte und alle Anderen den Durchblick nicht hatten. Die Texte waren meistens peinlich bis realitätsfern und ärgerlich. Aber das “Highlight” waren die paar Interviews die veröffentlich wurden, Zumindest mir war klar, dass da jemand sprach, der einfach nicht mehr im hier und heute ist (ein wenig wie Peter Green bei Interviews in späteren Jahren). Diese Interviews waren manchmal auf einer Ebene, da lasen sich Texte in den Boulevardblättern dieser Welt bereits schon als intellektuelle Herausforderung. Und ich habe mich dabei auch schuldig gemacht, dass ich diese Interviews gelesen habe, die es einfach nur gab, weil sich ein “cleverer Schuhrnalist” bemüht fühlte jemanden vorzuführen. 2008 starb Klaus Dinger.

 

Vorher gab es aber noch etwas fast Unwahrscheinliches zu berichten. Nachdem Neu! Veröffentlichungen wegen legalen Querelen zwischen Michael Rother und Klaus Dinger (und weiteren Parteien) auf Eis lagen, bekundete Herbert Grönemeyer Interesse an dem Katalog, brachte die Kontrahenten tatsächlich an einen Tisch und … das Wunder geschah, eine Veröffentlichung der drei ursprünglichen Alben auf Grönland Record wurde angeleiert. Tatsächlich kamen zum ersten Mal auch die Alben “Neu! 4” (als “Neu! ’86” mit etwas verändertem Tracklisting, neuem Mix etc.) und “Neu! ’72 – 6 May 72 – Non Public Test” im grossen Stil auf den Markt. Letzteres hätte man sich definitiv schenken können. Die LPs wurden als Einzelausgaben vermarktet und kamen 2010 auch in einer Box zusammengefasst raus. Eigentlich wollte ich damals auf die Box verzichten, hatte ich doch die Aufnahmen bereits in den Originalversionen vorliegen, aber “second thoughts and all” die Box kam dann doch noch in die Sammlung. Bis heute habe ich dort aber nicht reingehört und kann deswegen zum neuen Mix von “4” resp. “’86” zu dem “Live”-Album nichts sagen.

 

Was bleibt ist eine Band die einen Riesenpflock eingeschlagen hat und zwei Protagonisten die sich leider irgendwann auf den Senkel gingen, aber am Schluss dann doch noch die Kurve kriegten. Meine Sympathien sind ja ganz klar auf Seiten von Michael Rother und ich finde es schon stark wie er all die Jahre mit dem Problem Neu! umgegangen ist. In Interviews mit ihm war immer rauszuspüren, dass er versucht hat den Ball flach zu halten (zumindest in der Oeffentlichkeit). Neu! are here to stay!

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