Nils Lofgren – US-Rock-Cowboy aus Chicago, Illinois

Akrobat schön – Klein aber Fein – Aktuell 2020 mit drei Werken am Start

Die Lehrjahre – Seine artistische Bühnenshow bei den Live-Auftritten machte ihn in den späten 70igern weltweit bei seinen Fans bekannt. So spielte er beispielsweise regelmäßig singend Gitarre, während auf dem Trampolin sprang und dabei auch noch Saltos machte. Neben verschiedenen Saiten-Instrumenten beherrscht er außerdem Klavier, Banjo sowie Akkordeon, das er bereits fünfjährig im Kindesalter erlernt hatte und darauf mit sechs bereits unter anderem die italienische Ballade »Santa Lucia« spielen konnte. In diesem Beitrag fokussiere ich hauptsächlich auf seine Arbeit als Solist und Bandchef. Jedoch ist Nils Hilmer Lofgren noch bekannter für seine Arbeiten als Premium-Sideman sowie Live-Musiker für beispielsweise Neil Young (Crazy Horse), Jerry Williams, Lou Reed, Lou Gramm (Foreigner), Bruce Springsteen (E Street Band), Ringo Starr (Allstar-Projekt). Er ist bis heute einer der ganz großen Erfüllungsgehilfen der Rock-Musik, auf Augenhöhe mit den legendären Saiten-Zupfern des klassischen Rock. Zu seinen Helden gehören Jimi Hendrix, Jeff Beck, Jimmy Page, Albert King, B.B. King, besonders aber auch die Finger-Virtuosen Roy Buchanan (US) und Tommy Emmanuel (AUS). Alles Gitarristen die zu einer Einheit wurden mit ihrem Instrument und deren musikalische Seele weit über nur irgendwelche technischen Fähigkeiten hinausgeht oder ging.

Neil Young After The Gold Rush

Grin: Gone Crazy (1973)

Grin: Grin, 1+1 & All Out (2016)

Grin und Young – Schon 1968 wagte Nils den Schritt zum Berufsmusiker. Durchaus berechtigt, denn seine eigenwillige Spielweise von Saiteninstrumenten sprach sich schnell in der Szene herum. Später gründete er mit seinem Bruder Tom seine eigene Band Grin. Im gleichen Jahr stieß Nils in einem kleinen Club erstmals auf den Boss. Doch es sollten noch 14 Jahre ins Land gehen, bis er dann mit Bruce Springsteen schließlich Seite an Seite auf der Bühne stand. Bevor er mit dem kanadischen Querdenker Neil Young das Album »After The Gold Rush« (1970) aufnahm, zog der erst 17-jährige mit seiner Band Grin von seiner Heimat Chicago nach Los Angeles und lebte dort im Topanga Canyon bei Neils Produzenten David Briggs. Nils verbrachte also fast ein Jahr mit diesen beiden jungen Wilden. Sie waren so etwas wie große Brüder und Mentoren, sie vermittelten ihm vor allem Arbeitsethos und Leidenschaft für die Musik. Nils: „Das war für mich in so jungen Jahren von unschätzbarem Wert. Bis heute sind die beiden der größte Einfluss für mich.“ Schon damals bearbeitete Nils kräftig Tasten und Saiten, beherrschte mehrere Instrumente wie Gitarre und Klavier recht virtuos. Seinen speziellen Gitarrenstil mit dem Daumenplektron, wurde sehr prägend nach einem Live-Erlebnis mit Jimi Hendrix. 1971 unterschrieb Grin einen Plattenvertrag beim kleinen Label Spindizzy Records bei der zu der Zeit auch der US-Blues-Rocker, Sänger und Komponist Jerry Lynn Williams veröffentlichte. Nils arbeitet auch an dessen Debüt »Jerry Williams« (1972) mit. Schon jetzt war Lofgren eine fast immer gutgelaunte (grinsende) Legende der US-Szene.

Nils Lofgren: Nils Lofgren (1975)

Nils & Tom Grinsen – Mit »Grin« und »1+1« (1971, Spindizzy), »All Out« (1972, Epic), »Gone Crazy« (1973, A&M) legte Grin in kurzer Zeit vier gute aber in Europa recht unbeachtete Alben vor, aber Nils Ruhm als vielversprechender Newcomer festigte sich dadurch allmählich mehr. Dann und wann griff in dieser Zeit auch Neil Young immer wieder auf den Virtuosen zurück, engagierte ihn für verschiedene Arbeiten. 1973 zog es Nils gar mit Youngs Band und Crazy Horse auf große Tour, doch trotz allem feilte er weiter an seiner eigenen Karriere. Die ersten drei sehr guten Grin-Alben sind 2016 zusammen auf einem Doppeldecker bei Floating World erschienen.

Auszug Interview Nils Lofgren – Das war damals in Tampa, Florida. Grin waren als Vorgruppe für die J Geils Band mit auf einer Tour. Ich war ein ziemlich schüchterner, introvertierter Typ, hatte mir diese Energie und die Körperlichkeit der Bühnenshow dieser Jungs angesehen und dachte: „Was kann ich tun, das visuell ist, aber kein Fake?“ In der Junior-High-School war ich guter Turner gewesen. Da kam mir die Idee, dass mir mein alter Lehrer beibringen könnte, wie ich mit einer Gitarre in der Hand einen Rückwärtssalto von einem Mini-Trampolin mache. Einen Rückwärtssalto kriegte ich schon hin, aber wenn eine Gitarre ins Spiel kommt, muss man das noch einmal komplett neu lernen. Er lehrte es mich mit Deckengürteln und einem Führungsseil. In Tampa spielten wir also vor Tausenden College-Kids und eine halbe Stunde lang buhten sie uns aus und bewarfen uns mit Flaschen. Am Ende unseres Sets machte ich dann meinen ersten Salto und sie flippten nur noch aus. Willkommen im Showbusiness. [Quelle: Classic Rock]

Auf eigene Rechnung – Die Mitglieder der Band gingen dann getrennte Wege und Nils Lofgren startete eine Solokarriere. Sein massives Vorglühen hatte sich aber gelohnt, denn das Debüt-Album als Solokünstler war ein Riesenerfolg bei den Kritikern, und in den 70iger und frühen 80iger Jahren veröffentlichte er immer wieder gute Soloalben. Er begann 1984 auch mit Bruce Springsteen und der E Street Band aufzutreten und hat dies seitdem fortgesetzt. Zunächst ersetzt er beim Boss kurz Steven van Zandt an der Gitarre. Nach der Reunion der Band um Bruce Springsteen steht Lofgren seit 1999 mit Little Steven (oder Miami Steve) als gleichberechtigter und kongenialer Partner an den sechssaitigen Instrumenten auf einer Bühne. In Deutschland wird Lofgren als Solokünstler, Songwriter und Interpret von Songs wie »Moon Tears«, »Be My Valentine«, »No Mercy« oder »Keith Don‘t Go« bekannt. Letzt genannter Song setzt sich mit den Drogenproblemen von Rolling Stones Gitarrist Keith Richards auseinander. 1974 gab es sogar das Gerücht, dass Nils der Nachfolger von Mick Taylor (wie zuvor 1969 Roy Buchanan für Brian Jones) werden könnte, das kam aber dann doch nicht zustande.

Live At Rockpalast

Arbeiten mit dem WDR – Wie bereits gesagt, die überaus erfolgreiche aber auch etwas getarnte Karriere von Nils Lofgren basiert auf zwei starken Fundamenten. Mit Grin und Solo hat er viele außergewöhnlich gute Alben veröffentlicht und parallel bis heute ebenso häufig rund um den Globus als Gitarrist mit vielen US-Stars getourt und auch im Studio gearbeitet. Sein ungewöhnliches Markenzeichen auf der Bühne, den Salto mit Gitarre, macht er heute aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr. Drei Live-Auftritte aus Deutschland wurden für die legendäre Fernsehsendung Rockpalast mitgeschnitten und zeigen Nils Lofgren an drei unterschiedlichen Stationen seiner Laufbahn: 1976 hatte er gerade sein sensationelles, höchst gelobtes selbstbetiteltes Solo-Debüt veröffentlicht, schon ist er gleich am 18. Mai Gast im WDR Studio-L in Köln. 1979 war Nils als Solokünstler und einflussreicher Gitarrist bereits weltweit etabliert und neben Southside Johnny & The Asbury Jukes und Mitch Ryder Gast bei der 5. Rockpalast Nacht 6./7. Oktober. Zu Zeiten des dritten Auftritts in der Live Music Hall Köln am 25. Juli 1991 hatte Lofgren soeben seine Soloaktivitäten mit dem Album »Silver Lining« reanimiert, nachdem er zuvor maßgeblich an den künstlerischen Großtaten der E Street Band beteiligt gewesen war. Bei alle drei Mitschnitten war Bruder Tom Lofgren dabei und alle zeigen großartigste Konzerte, fangen perfekt den Enthusiasmus und die Show-Qualitäten von einem der besten amerikanischen, leider in Europa nicht so bekannten, Gitarristen ein. Zu sehen und hören sind natürlich dreimal auch Lofgrens beliebteste Song-Potpourris.

Nils Lofgren: Promo_2

Nils Lofgren: Promo_3

Bruderschaft Akustisch – Ein weiteres Live Highlight ist »Acoustic Live«, aufgenommen am 18. Januar 1997 in The Barns Of Wolftrap, Vienna (Virginia, USA). Nur mit akustischen Gitarren bewaffnet, präsentieren die Brüder Mark, Michael, Nils, Tom sowie Paul Bell dem dankbaren Publikum eine Auswahl von 17 kleinen Prachtstücken, darunter seine Favoriten wie »You«, »No Mercy« und natürlich das unverwüstliche »Keith Don‘t Go« sowie sechs damals neue Songs. Die Aufnahmen waren so großartig das dieses Werk bei HiFi-Enthusiasten regelmäßig als Referenz-Album benutzt wird. Deshalb wurde das Material sogar auch auf vier LP’s mit 45RPM veröffentlicht, der ultimative Analog-Hammer.

Nils Lofgren Band: Weathered (2020)

Springsteen & E Street Band: Letter To You (2020)

Neil Young & Crazy Horse: Colorado (2019)

Immer noch Aktiv – Aktuell ist Nils im Corona-Trump-Adieu-Jahr 2020 parallel auf drei Tonträgern zu hören, mit der Nils Lofgren Band: »Weathered« (2020: Cattle Track Road Records) und mit Bruce Springsteen & E Street Band: »Letter To You« (2020: Columbia). Sein bisher letztes Solo-Studio-Album »Blue With Lou« erschien 2019 nach über 10-jähriger Pause (2009: »The Loner: Nils Sings Neil«) und war eine gelungene Hommage auch an seinen 2013 verstorbenen Freund Lou Reed. Um diese Platte zu promoten und auch Live vorzustellen, hat der inzwischen 69-Jährige Nils Lofgren nach 15 langen Jahren wieder einmal eine komplette eigene Rock-Band auf die Beine gestellt und ist damit Ende 2019 auf ausgedehnte Tour durch die USA gegangen. Mit dabei sind natürlich alte Bekannte und auch wieder Bruder Tom Lofgren. Das Live-Album Weathered ist das umwerfende Dokument dieser Tour und es zeigt, wie der Album-Titel wohl auch andeuten soll, wieder mal eine bestens eingespielte, wettergegerbte Band. Tom Lofgren (Gitarre, Keyboards), Bassist Kevin McCormick, Sängerin Cindy Mizelle und Andy Newmark (Schlagzeug), auf dem Höhepunkt ihres Könnens. Mit dem dritten Werk ist Nils knapp an 2020 vorbeigeschrammt. Dabei geht es um das Studio-Album »Colorado« (11-2019) von Neil Young & Crazy Horse, bei dem Nils Piano, Gitarre, Körper-Perkussion, Akkordeon und Gesang beigesteuert hat. Resümee: Pandemie-Pause sehr gut genutzt.

The Loner: Nils Sings Neil (09)

Nils Lofgren: Promo_1

Lofgren: Blue With Lou (2019)
Nils Lofgren: Promo_4

Verbeugung – Eigenen Angaben zufolge professionalisiert sich Lofgren bereits im Alter von 17 Jahren. Nur ein Jahr später wirkt er, gerade am Rande zum Erwachsenendasein stehend, schon als Multi-Instrumentalist auf Neil Youngs Platin-gekröntem Album »After The Goldrush« mit. Ausgehend von seinen Fähigkeiten müsste man Nils Lofgren beispielsweise auf eine Stufe mit Eric Clapton, Steve Winwood oder Mark Knopfler stellen. An deren Erfolge reichte der virtuose Bühnen-Derwisch als Solokünstler leider jedoch nie heran. Sein Bekanntheitsgrad speist sich vor allem aus seiner Zugehörigkeit als Gitarrist zur E Street Band und Crazy Horse (hier nun auch Nachfolger von Frank “Poncho” Sampedro). Zunächst ersetzt er bei Bruce Springsteen Mitte der 80iger Steven van Zandt an der Gitarre. Nach der Reunion der Band steht Lofgren seit 1999 bis heute mit Little Steven als gleichberechtigter und kongenialer Partner an den sechs Saiten auf einer Bühne. Allein schon bei diesen Namen stockt einem der Atem. Dabei zeigt dieser kleine Auszug aus seiner Vita, welch ungemeine Respekt-Person der kleine Pentatonik-Magier in Musikerkreisen abgibt. Aber vor allem die furiosen Live-Auftritte (siehe Text vorher) gespickt mit langen Jam-Sessions, hinreißenden Solis, bündelweise Inspiration und Begeisterung, prägten das Bild von Gitarrist, Sänger, Songschreiber Nils Lofgren hierzulande als ausgezeichneten Musiker. Leider durfte ich Nils nur einmal Live erleben zusammen mit dem Boss in einer Arena in der Nachbarstadt, dessen Betreten fast jeden Dortmunder schwerfällt. Dann auch noch den Gitarristen leider nur in Ameisengröße und das ganze Event ein Alptraum. Das war das einzige und letzte Mal für so eine Art Auftritt einer Band für mich. Ich hoffe das ich Nils noch einmal auf der Bühne erleben darf, dann aber hoffentlich auf Armlänge. Klingende Grüsse, Der SchoTTe

Wer sich für weitere US-Rock-Cowboys interessiert, folgt den Weiterleitungen unten:

Weiterlesen RZ: Lee Clayton Bob Welch Moon Martin

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