Shirley And Company – Shame, Shame, Shame (1974)

Eigentlich unglaublich, dass es fast 45 Jahre dauerte bis ich die Qualität des Titels „Shame, Shame, Shame“ von Shirley And Company erkannte, ich glaube meine Jukebox hat mir die Ohren für den Titel geöffnet. Damals – 1975 – nervte mich die Nummer fürchterlich, ich hatte kein Verständnis für diesen beschwingten Hi-Hat-Snaretrommel-Groove mit funky Raffel-Gitarre, die lässig eingewobenen Sax-Einlagen und die scheinbar hysterischen Stimmen die sich über dem Soundbed aufbauten. Irgendwie ist es schwierig „Shame, Shame, Shame“ einzuordnen, die Nummer passt in mehrere Schubladen, beinhaltet gleichermassen Anteile von Funk, Soul, R&B , Diddley-Beat und westindischen Rhythmen.

Es ist schon witzig wie sich der persönliche Musikgeschmack verändern kann, denn wenn ich mir den Titel  heute anhöre dann treten Schweissperlen auf die Stirn (nicht durch den Klimawandel bedingt), die Füsse werden unruhig und wollen den hypnotischen Takt mitgehen. Der Legende nach ist der Ende 1974 zuerst in Übersee und 1975 auch weltweit veröffentlichte Titel die Geburtsstunde des Genres Disco. Klar, die Bee Gees und ein paar andere reklamieren diese Musikstil-Erfindung zwar für sich, aber es ist durchaus möglich, dass „Shame, Shame, Shame“ der Startschuss war. Der Erfolg jedenfalls war gigantisch, rund um den Erdball stürmte die Single in die Charts.


Die 1936 in New Orleans geborene Shirley Goodman stand bereits im Teenageralter als die eine Hälfte des Duos Shirley And Lee im Aufnahmestudio, ihre erste gemeinsame Single „I’m Gone“ / „Lee Goofed“  erschien 1952 und Shirley und der gleichaltrige Leonard Lee bekamen schon bald einmal den Titel „Seweethearts of the Blues“ verpasst, auch wenn sie privat nicht verbandelt waren, Shirley heiratete 1955 den Unternehmer Calvin Z. Pixley. Zum grössten Erfolg für Shirley And Lee wurde 1957 das vom legendären Talentsucher (u.a. Fats Domino), Musiker und Songwriter Dave Bartholomew produzierte „Let The Good Times Roll“, die Kurzrille fand eine Million Käufer obwohl die Aufnahme von einigen Radiostationen boykottiert wurde da sie ihnen zu anzüglich war. In den frühen 60ern trennte sich das Duo, die zwei standen dann aber 1974 noch einmal zusammen vor Fernsehkameras um „Let The Good Times Roll“ zu performen. Sie hatten sichtlich Spass an ihrem Auftritt auch wenn Leonard Lee der sich seit längerem aus der Szene verabschiedet hatte, leicht verlegen wirkte. Wunderschön anzusehen die Blicke mit denen Shirley ihren ehemaligen Duettpartner im schicken rosa Anzug bedachte: Na Alter, hast du es noch drauf?

Shirley übersiedelte Mitte 60er nach Kalifornien und veröffentlichte ein paar Singles, betätigte sich aber vor allem als Background-Sängerin. Sie war 1968 am Album Gris-Gris von Dr. John beteiligt, sie sang für Sonny & Cher, Jackie DeShannon und 1972 bei den Rolling Stones auf deren Album Exile On Main Street auf dem Titel „Let It Loose“.

1974 erhielt die etwas in Vergessenheit geratene Shirley das Angebot für „Shame, Shame, Shame“. Die Sängerin, Produzentin und Songschreiberin Sylvia Robinson – in den 50ern die weibliche Hälfte von Mickey & Sylvia, später eine der Begründerinnen des Hip Hop – suchte gerade eine Stimme die zu ihrem Song „Shame, Shame, Shame“ passen könnte, sie selber hatte offenbar keine Lust. Shirley sagte zu und mit ihrem zur Seite gestellten Duett-Partner, dem in Kuba geborenen und 1959 in die USA emigrierten Musiker und Sänger Jason „Jesus“ Alvarez wurde der Titel aufgenommen. Der Erfolg überraschte wohl alle Beteiligten, „Shame, Shame, Shame“ ging durch die Decke und erdrückte beinahe alles. Ein gleichnamiges nachgeschobenes Album ging unter, ebenso die ausgezeichnete Single „Disco Shirley“, auch dieser pumpende Tanzflächenfeger kam nicht gegen „Shame, Shame, Shame“ an. Das ebenfalls aus der LP ausgekoppelte „Cry, Cry, Cry“ war eine 1:1-Kopie der Erfolgssingle (ebenfalls mit instrumentaler B-Seite) und verblasste im Schatten von „Shame, Shame, Shame“.

Der Grossteil der Auftritte von Shirley And Company fand vermutlich im Bereich TV-Promotion statt, nach dem Siegeszug durch die weltweiten Hitparaden und Diskotheken waren aber bald auch solche Engagements nicht mehr nötig, „Shame, Shame, Shame“ hatte sich zum Dancefloor-Selbstläufer entwickelt und brauchte keine entsprechenden Werbeträger mehr. Noch im Jahr 1975 stellten Shirley And Company die Aktivitäten ein. „Shame, Shame, Shame“ wurde mehrfach wiederveröffentlicht und unzählige Male gecovert, von Linda & The Funky Boys bis Cher die sich mit Tina Turner duettierte.

Leonard Lee starb bereits 1976 im Alter von 40 Jahren.

Shirley Goodman verabschiedete sich nach „Shame, Shame, Shame“ mehr oder weniger aus dem Showbiz, sie starb 2005 im Alter von 69 Jahren.

Sylvia Robinson liess Shirley And Company für immer auf sich beruhen und kümmerte sich um andere Projekte, die Godmother des Hip Hop starb 2011 im Alter von 75 Jahren.

Dave Bartholomew starb am 23. Juni 2019, er wurde 100 Jahre alt.

Jason Alvarez wurde depressiv und unternahm einen Selbstmordversuch.
Mit der Hilfe seiner Frau meisterte er die Lebenskrise und gründete Anfang 80er mit ihr zusammen The Love of Jesus Family Church in Orange, New Jersey. Pastor Jason Alvarez ist der Musik bis heute treu geblieben, seit 1981 veröffentlichte er diverse Alben im Bereich Jesus Music.

LONG LIVE FUNKY DISCO MUSIC!
mellow

 

Die involvierten Studiomusiker bei Shirley And Company,
respektive die Hausband von Sylvia Robinsons Label All Platinum:
Walter Morris – Guitar
Bernadette Randle – Keyboards
Seldon Powell – Sax
Jonathan Williams – Bass
Clarence Oliver – Drums

(Visited 309 times, 1 visits today)

2 Kommentare

  1. Huch?! Da war ich dir wohl einen Schritt voraus. “Shame, shame, shame” gehört mit “Rock your Baby” von George McCrae zum Urknall für meine Musiksucht. Disco? Nö. Philly. Meine Philly-Sound-Macke pfleg ich ja. Hatte noch nichts mit Disco zu tun. Disco war Philly in arme-Leute- Arrangements. In der ARD Schaubude wurde seinerzeit in der Anmoderation des Songs erzählt, dass die beiden den Song für 5 Dollar aufnehmen ließen. “Und dann tanzte ganz New York danach.” Dann traten die auf und beim ersten Schrei von dem mit Ketten behängten bärtigen Hippie hatte mein Vater zuviel: “Singen kanner nich, rasieren kann er sich nich, …. und sowas darf ins Fernsehen! So läufste mir nich später nich rum!” Ich schwieg und nahm mir vor: Vollbart muss sein!

  2. Klar bist einen Schritt voraus, ich habe Philly und die frühen Formen der Discomusic damals verdrängt und entdecke sie jetzt erst jetzt wieder. Bart wollte ich natürlich auch, aber eher wegen Clapton, Page, Rodgers und ZZ Top.

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

10 + sechzehn =