Feelgood: Wilko Johnson – Who: Roger Daltrey

Seltene-Rock-Musik-Perle: Going Back Home im dreifach Paket – Vermächtnis

Angestoßen wurde ich zu diesem Beitrag, der erste in dieser Serie, durch einen anregenden Dialog im RZ im Zusammenhang mit Bassist Norman Watt-Roy, mit dem Wilko Ende 1979 erstmals bei Ian Dury & Blockheads zusammentraf, später aber noch öfters mit ihm zusammen musizierte. Nach seiner Zeit (1971-77) bei den Pub-Blues-Rockern Dr. Feelgood (vorher Pigboy Charlie Band) arbeitete Wilko Solo und in verschiedenen Projekten. Beim ersten Solo-Werk Ice On The Motorway (1980) war bereits Keyboard-Animal Micky Gallagher dabei. Seit Mitte der 80iger ist Tieftöner Norman und Schlagmann Salvatore „Sav“ Ramundo an seiner Seite, erstmals 1985 auf Ton-Konserve Watch Out! (Live in London) zu hören. Dieses Trio (Piano: John Denton) nimmt 1998 für Mystic Records das damals recht unbeachtete Going Back Home auf. Für alle Liebhaber von Qualitätsmusik in Triangel von Rock, Blues/R & B, Rock’n’Roll ein Sahnestück. Damit ist diese Geschichte aber erst eingeleitet, denn Wilko nimmt mit gleichem Album-Titel 2014 den Faden noch einmal auf.

Wilko Johnson: Best Of DCD (2014)

John Peter Wilkinson alias Wilko Johnson aus Canvey Island an der Themse-Mündung gehört sicher zu den prägenden Säulen der britischen Rockmusik ab Mitte der 70iger, und das genreübergreifend. Man diagnostizierte beim 1947 geborenen Wilko Anfang 2013 Pankreas-Krebs, aber wie bei seinen Gitarren-Kollegen Walter Trout oder Chris Rea, aufgeben war auch bei ihm nie eine Option. Wer dachte den Dr. Feelgood Gitarren-Mann beim TV-Beitrag Madness Live: Goodbye Television Centre (BBC 4) im März 2013 das letzte Mal gesehen zu haben, ganz im Gegenteil, es folgte ein kreativer Schub sondergleichen und der dauert bis heute an. In seiner sehr lesenswerten Biografie Das Leben geht weiter (2017: Heyne, 256 Seiten) gibt es viele Details auch aus dieser Zeit. Der Buchtitel ist nicht grundlos, denn man sagte ihm nach der Diagnose, er hätte noch etwa zehn Monate zu leben. Statt in Panik zu verfallen, überkommt ihn wie er selbst sagt eine innere Ruhe. Und er beschließt, die letzten Monate intensiver zu erleben und all das zu tun, was er schon immer vorhatte. Er geht auf große Abschiedstour, reist an verschiedene Orte weltweit, die er immer schon sehen wollte, nimmt ein Abschieds-Album mit Rockröhre Roger Daltrey von den Classic-Rockern The Who auf. Das Album Going Back Home klettert immerhin auf Platz 3 der UK-Charts. Wilko ist ein Held, besonders in seiner Heimat Süd-Ost-Essex.

Dr. Feelgood: I’m A Man (2015)

Solid Senders: Debüt (1978)

ID & Blockheads: Laughter (80)

Ein großes Wort über Commander (BE) Roger Daltrey zu verlieren ist sicher nicht nötig, das meiste ist detailliert bekannt und wird immer wieder aufgewärmt. Allein an welchen Meilensteinen er im Bandgefüge The Who seit Mitte der 60iger mitgearbeitet hat, ist mindestens ein Dutzend Beiträge wert. Zu empfehlen ist Rogers Autobiografie My Generation: Die Autobiografie (2019: Bertelsmann, 384 Seiten), die tiefe und neue Einblicke liefert. Die Schatzgräber vom RZ konzentrieren sich wie üblich auf die weniger bekannten, aber dennoch genauso gehaltvollen Mosaikstücke seiner Karriere, hier diesmal zusammen mit Wilko Johnson.

Mit Going Back Home (aufgenommen 11-2013, VÖ 2014) nimmt Wilko den Schwung mit, den er auf seiner Trio-Mini-Tour im Sommer 2013 mit seinen Langzeit-Weggefährten Norman Watt-Roy (Bass) und Dylan Howe (Schlagzeug), den kennen Beide aus Tagen bei Ian Dury & Blockheads, aufgenommen hat. Wilko präsentiert hier einen Überblick seiner Solo-Karriere im neuen Gewand. Auch werden einige Titel des Mystic-Albums von 1998 neu interpretiert. Sein Partner Roger Daltrey als Sänger und an akustischen Gitarren machen diese Aufnahmen zu einem echten Zeitzeugnis. Mit Steve Weston (Harmonica) und Mitgründer von The Style Council Mick Talbot (Keyboards) sind zwei weitere Schwergewichte dabei. Über die musikalische Klasse der Mitspieler muss man hier kein Wort mehr verlieren. Große Namen machen zwar nicht immer großartige Musik, hier aber schon. Zehn der elf Songs des Solo-Werks stammen aus Wilko‘s Feder, darunter aus frühen Doc-Feelgood-Tagen All Through The City, Keep It Out Of Sight und der Titelsong Going Back Home. Vom 78iger Album seiner ersten Band Solid Senders noch Everybody’s Carrying A Gun und die 80iger-Titel Ice On The Motorway und I’m Going To Keep It To Myself. Die beiden Songs Keep On Loving You, Some Kind Of Hero, hatte er bereits 1998 präsentiert. Weitere Höhepunkt sind der Dylan-Cover-Song Can You Please Crawl Out Your Window und die bisher unveröffentlichte und noch nie Live gespielte Ballade Turned 21, Gänsehaut ist hier echt garantiert.

Wilko Johnson: I Keep It To Myself: Best Of (2017)

Wilko Johnson: Going Back Home (1998)

Johnson & Daltrey: Going Back Home (2014)

Der Hammer ist jedoch die limitierte Doppeldecker-Ausgabe dieses Albums. Zu den elf Titeln des originalen Albums kommen hier auf der zweiten CD zuerst einmal fünf weitere Studio-Titel in noch einmal anderen Gewand, acht Live Stücke aufgenommen mit der Wilko Johnson Band im The Shepherd’s Bush Empire am 25. Februar 2014, zwei davon sogar mit Roger Daltrey auf der Bühne. Und für alle die dann noch immer nicht genug haben sollten, gibt es dann weitere fünf Titel mit Wilko & Roger Live in der Royal Albert Hall (Teenage Cancer Trust 2014). Ein Stück Musikgeschichte das es leider auch nicht geschafft hat von der Masse der Rockfans wahrgenommen zu werden. Selbst nur eine Handvoll Fans von The Who und Roger Daltrey kennen dieses zu beachtende Werk. Wegen seiner Geschichte, seiner musikalischen Quantität und Qualität sowie der Besetzung hat deshalb dieses Album bei mir den Status: Seltene-Rock-Musik-Perle.

Weiterlesen: RZ: Dr. FeelgoodRZ: Wilko Johnson – Klingende Grüsse, Der SchoTTe

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