The Fabulous Wailers

Die aus Tacoma, Washington stammende Band The Fabulous Wailers gehörte zu den erklärten Vorbildern der Ventures-Gründer Don Wilson und Bob Bogle als diese sich Ende Fünfziger mit Gitarren bewaffneten.

The Fabulous Wailers (nicht zu verwechseln mit The Wailers aus Jamaica) waren anfangs eine rein instrumentale, von Rock’n‘Roll beeinflusste Band die 1959 zu Beginn ihrer Karriere mit der Single „Tall Cool One“ (typisches Rock’n’Roll-Schema) einen Hit in den Billboard Hot 100 landen konnte. Ein respektabler Platz 36 schaute heraus, in den R&B-Charts erreichten sie sogar Position 24. Im Fahrwasser des Hits erschien im selben Jahr eine erste LP. Die Qualität der Kompositionen und Aufnahmen schwankte zwar ein wenig, aber die originale Besetzung John Greek (Guitar), Richard Dangel (Lead Guitar), Kent Morrill (Keyboards), Mike Burk (Drums) und Mark Marush (Tenor Sax) zeigte erfreulicherweise auf, dass man nicht immer auf Fremdmaterial zurückgreifen musste sondern durchaus fähig war, in eigener Regie tanzbares Material zu verfassen.

Als eigentlichen Brüller in der Wailers-Discography sehe ich die Live-LP At The Castle (1961), aufgezeichnet im Castle, eine zwischen Seattle und Tacoma direkt am Highway 99 gelegene und von 1931 bis 1968 bestehende Dancehall (um aufzufallen mit Türmen im Baustil einer spanischen Burg versehen, deshalb auch Spanish Castle genannt), heutzutage würde man dazu wohl Partytempel sagen. The Fabulous Wailers erweiterten ihre Setlist nun bereits mit Gesang, neben dem von Kent Morrill gesungenen „Dirty Robber“ kamen der Labelkollege Rockin‘ Robin Roberts und die (der Legende nach) gerade mal vierzehnjährige Sängerin Gail Harris zu Einsätzen.

Der Sound war im Gegensatz zu ihren ersten Aufnahmen nun bretterharter Rhythm & Blues, die knackige Leadgitarre klang bereits wie eine Ankündigung des späteren Genres Bluesrock und selbst der eingewobene Orgelteppich präsentierte sich für die damalige Epoche recht schmutzig und ungehobelt. Der zuständige Techniker „vergass“ bei der Show im Castle in der Hektik zwar ein Mikro im Saal aufzustellen um die Stimmung einzufangen und mikrofonierte nur die Verstärkeranlagen auf der Bühne, aber das tut der Stimmung dieser Aufnahmen keinen Abbruch, auch wenn man die Begeisterung der Konzertbesucher erst am Schluss der einzelnen Titel via Stage-Mikros hört, inklusive Verstärkerbrummen. Mein Feuer-&-Flamme-Statement für diese Platte rührt auch von den Vorträgen von Rockin‘ Robin und Gail her, unglaublich was da vor über 50 Jahren auf Band gebannt wurde. Gail brüllt eigentlich mehr wie ein trotziger Teenager als dass sie singt, relativ ungewöhnlich für diese Zeit in der man eigentlich versuchte alles möglichst klar klingen zu lassen.

An Gigs der Wailers habe man damals übrigens oft einen jungen Kerl aus Seattle angetroffen der in nicht allzu ferner Zukunft das E-Gitarrenspiel revolutionieren sollte, der Nachwuchsgitarrist war kein geringerer als Jimi Hendrix. Der Veranstaltungsort The Castle wurde später von den Behörden geschlossen nachdem (neben anderen schwerwiegenden Vorfällen) drei Mädchen beim Überqueren des davor liegenden Highways von einem vorbeibrausenden Truck überfahren worden waren.

Beim über weite Strecken ausgezeichneten Album The Fabulous Wailers & Co. von 1964 (offenbar eine Kollektion von Recordings die zwischen ‘61  und ’63 entstanden), trat dann das weibliche Gesangs-Trio The Marshans (mit Marylin Lodge, Penny Anderson, Kay Rogers) in Erscheinung. Noch immer hielt die Band fest am Konzept der Mixtur zwischen Instro-Nummern und Vokaltracks, allerdings machte sich auch eine gewisse Richtungslosigkeit bemerkbar. „Partytime USA“ klingt beispielsweise ein wenig wie der verzweifelte Versuch auf den Zug der Beach Boys aufzuspringen, da ist das rockige, mit Tempiwechseln durchsetzte Instrumentale „Tough Walk“ weitaus heissblütiger.

Hätten es die Wailers geschafft, nach dieser Frühsechziger-Phase ihren Faden weiter zu spinnen anstatt sich nach allen möglichen Trends zu strecken, ich bin mir sicher sie wären über ihren Legendenstatus hinaus gekommen und hätten auch kommerziell punkten können. Stattdessen begann sich das Personalkarussell zu drehen (John Greek ging, Ron Gardener kam), genauso wie die Stossrichtung: Die LP Wailers Wailers Everywhere (1965, der letzte Longplayer für die lokale Company Etiquette Records) stand dann ganz im Zeichen der British Invasion, sprich man lehnte sich hier eng an die neuen Vorbilder aus Liverpool an, nichtsdestotrotz ein vorzügliches Album.


Danach wurden sämtliche Konzepte über Bord geworfen und The Wailers (jetzt ohne Fabulous im Namen) verirrten sich komplett in der Stilvielfalt: Ab der LP Outburst! (1966, United Artist Records, 1996 CD-Reissue von Collectables) bestand das Angebot aus kalifornisch angehauchtem Sunshine-Pop, Folkrock, Beat, Garage inklusive leichter psychedelischer Anleihen. Alles in allem sind die späten Jahre eine eher zerzauste Angelegenheit, obwohl man auch in dieser Dekade immer wieder hervorragende Wailers-Einzeltitel finden kann.

Nach dem letzten, psychedelisch anmutenden Album Walk Thru The People (1968, Bell Records, bislang keine Wiederveröffentlichung) zog die Band den Stecker und einen Schlussstrich unter die kurze aber heftige Karriere.

Ron Gardner starb 1992.
Richard Dangel starb 2002.
John Greek starb 2006.
Mark Marush starb 2007.
Kent Morrill starb 2011.
Rockin‘ Robin Roberts starb bereits 1967 bei einem Autounfall.

Gail Harris veröffentlichte 1961 eine Single, heiratete und war ab dann mit ihrem Gatten als Duo Arlen & Gail unterwegs, ausserdem beteiligte sie sich immer wieder mal bei Reunions der Fabulous Wailers.

Um 50 Jahre Rock’n’Roll aus der nordwestlichen Ecke der USA zu feiern, kam es 2009 zu einer Kollaboration der damaligen Besetzung der Fabulous Wailers mit den Ventures: Zusammen rockten sich die beiden Urgesteine aus Washington bei der Produktion Two Car Garage durch Neuaufnahmen einiger ihrer alten Klassiker und sie fusionierten sogar bei vier Tracks. Eine wunderschöne Geschichte, auch wenn Kent Morrill den späten Ruhm nicht mehr lange geniessen konnte.


Sämtliche Aufnahmen die für Etiquette entstanden wurden von Ace / Big Beat generalüberholt auf CD gepresst.

LONG LIVE ROCK!
mellow

 

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5 Kommentare

  1. Wieder ein exzellenter und echt interessanter Beitrag. Aus der North-West-US-Rock-Szene mit unter anderem Wailers, Frantics, Viceroys, Bluenotes, Sonies, Dynamics, Kingsmen, Ventures starteten dann auch die Letzteren (Der Stolz von Seattle) mit ihrem polierten, technisch perfekten gitarrenbetonten Sound durch, veröffentlichten bis in die 70iger regelmäßig mindestens 50 Alben, inspirierten dadurch zahllose Musiker weltweit und auch mich. Die Ventures waren meine ersten Gitarren-Helden. Und wieder einiges gefunden was ich noch nicht wusste. Bleibt Gesund und Klingende Grüsse, Der SchoTTe

  2. Die Ventures existieren übrigens immer noch, auch nach dem Tod der Gitarristen Nokie Edwards und Gerry McGee und dem gesundheitsbedingten Rückzug von Bandgründer Don Wilson. Die Band um Drummer Leon Taylor (der Sohn von Mel Taylor) tourte bis Corona das verhinderte regelmässig durch Japan und die USA. In meinem persönlichen musikalischen Weltbild sind die Ventures einer der Grundpfeiler, eine unverzichtbare Säule der Rockmusik.

    mellow

  3. Boooaaahh, ich dachte es gibt nicht mehr so viele Fans der Ventures in Europa. Und dann sogar du mellow, wow. In dieser zeitlichen und instrumental geprägten Ecke der Musik gibt es noch vieles für uns im RZ auszugraben. Ich habe mal einen langen mehrteiligen Beitrag dazu geschrieben, den werde ich mir die Tage noch mal durchschauen und ein paar Perlen für eine Serie zusammenstellen. Als ich mir damals die Vinyls von den Ventures vom wenigen Taschengeld kaufte, rümpften viele meiner Freunde die Nase, die hörten Stones, Who, Kinks, Pretty Things, Zombies, Yardbirds (die meisten davon habe ich später auch Live gesehen) die ich aber auch liebte, aber eben auch Ventures, Spotnicks, Shadows, Tornados. Bleib Gesund mellow und Klingende Grüsse, Der SchoTTe

  4. Wirf mal die interne Suchmaschine an, zu den Ventures und den Spotnicks existieren im Blog bereits ein paar Einträge. Wenn du nach “Instrumental” suchst, findest du auch Artikel zu Billy Strange, Jerry Cole, Sandy Nelson und Sounds Incorporated und anderen. Unglaublich übrigens, dass ich mal wieder jemanden treffe der die Qualität der Ventures ebenfalls zu schätzen weiss.

    mellow

  5. Dito !! Und das alles auch noch in diesem verflixten Jahr 2020, Wow !! Ich hatte schon remo4 gesagt das ich bevor ich die Gerüste der Beiträge baue, die vorhandenen Einträge im RZ durcharbeite. Ich versuche dann als Geselle die etwaigen Lücken der Meister zu schließen. Damit bekommen die Feierbiester und Fans das volle Brett !! Bleib weiter so kreativ, kollegial und leidenschaftlich. Klingende Grüsse, Der SchoTTe

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