The Hues Corporation

Ursprünglich wollte sich das aus Santa Monica stammende Gesangstrio The Children Of Howard Hughes nennen, um aber vorprogrammierten Ärger mit dem kinderlosen US-Selfmade-Milliardär zu umgehen, erhielt die Unternehmung schlussendlich von ihrem Mentor Wally Holmes den neutralen Namen The Hues Corporation. Der ehemalige Lehrer, Songwriter und Produzent Wally Holmes sah bereits 1969 Potential in Sängerin Hubert Ann Kelley und ihren Mitstreitern Karl Russell und Bernard St. Clair Lee Calhoun Henderson der sich meistens mit Stirnband präsentierte und begann das Vokalensemble mit seinen Songs auszustatten. Eine erste Single „Goodfootin‘/ We’re Keppin‘ Our Business Together“ (1970) verhallte aber vorerst einmal ohne grössere Resonanz.

Bis 1972 passierte nicht viel, das Trio beschränkte sich auf Live-Aktivitäten, bestritt das Vorprogramm von bekannten Acts. Wally Holmes schaffte es 1972 seine Schützlinge mit gleich drei Songs im Soundtrack der Blaxploitation-Darcula-Persiflage Blacula unterzubringen, aber nicht nur das, The Hues Corporation schafften es mit dem fetzigen „There He Is Again“ sogar auf die Kinoleinwand, ihr dynamischer Clubauftritt in Blacula ist zugleich das unbestrittene Highlight des B-Movies. Die namenlose Band die The Hues Corporation in der Clubszene begleitete bestand witzigerweise  aus weissen Musikern, hier wurde die Blaxploitation-Philosophie mit der umgedrehten White/Black-Rollenverteilung also bis ins letzte Detail umgesetzt.



(Blacula, 1972, The Hues Corporation as themselfes)

Karl Russell verabschiedete sich nach diesem Auftritt in ungewohntem Terrain, er wurde durch den Sänger Fleming Williams ersetzt. Wally Holmes nutzte die Gunst der Blacula-Aufmerksamkeit und brachte The Hues Corporation beim Mediengiganten RCA unter. Die Company liess sich nicht lumpen, das grosse Orchester wurde zur Verfügung gestellt und die involvierten Instrumentalisten auf der LP Freedom For The Stallion gehörten zur Creme de la Creme der kalifornischen Mietmusiker. Die bekanntesten Namen darunter waren die drei Crusaders Wilton Felder (Bass), Joe Sample (Keyboards), Larry Carlton (Gitarre), sowie Al Casey (Gitarre), Louis Shelton (Gitarre), Chuck Findley (Trompete), Joe Osborn (Bass) sowie die Drummer Hal Blaine, Ron Tutt und Jim Gordon (der 1983 seine Mutter erschlug und bis heute hinter schwedischen Gardinen sitzt). Aufgenommen wurde in Hollywood im RCA’s Music Center Of The World, neben Wally Holmes sorgten Gene Page und Tom Sellers für die stimmungsvollen und abwechslungsreichen Arrangements.

Freedom For The Stallion (1972) ist ein beeindruckender Longplayer, ein furioser Mix aus Soul, Sunshine Pop, Funk und Easy Listening, eine ausgezeichnete und harmonische Mixtur aus verschiedenen, zu Beginn der 1970er populären Puzzleteile. Nur schon der von Allen Toussaint verfasste Titelsong „Freedom  For The Stallion“ ist den Besitz der LP wert, das ist eine traumhafte sozialkritische Reise in die allerhöchsten Höhen des soften Souls, ein überwältigendes Stimmenspiel das The Hues Corporation hier vor der Haustüre der 5th Dimension ablieferten. Selbstverständlich kamen aber auch die Songs des Förderers Wally Holmes zum Zuge, beispielsweise das bezaubernde „Go To The Poet“, „Live A Lie“ oder „Rock The Boat“ das hier in seiner ersten Version Unterschlupf fand aber noch nicht als Single veröffentlicht wurde, die Nummer ist zusammen mit George McCrae’s „Rock Your Baby“ (1974) vermutlich einer der Grundpfeiler der Disco-Ära. Die LP verkaufte sich nicht schlecht, die ausgekoppeltes Singles, das atemberaubende „Freedom For The Stallion“ und „Miracle Maker (Sweet Soul Shaker)“ verpassten aber trotz ihrer Qualität vordere Chartsränge.

Das vielversprechende „Rock The Boat“ rettete Mastermind Holmes als Herzstück auf die nächste LP Rockin‘ Soul (1974) und veröffentlichte sie erst dann als Single. Und siehe da, jetzt ging die Rechnung auf, „Rock The Boat“ traf offenbar den Nerv der Zeit und entwickelte sich zu einem weltweiten Hit. Das dazugehörige Album Rockin‘ Soul (das eigentlich durchs Band aus potentiellen Hits bestand) erlitt allerdings das gleiche Schicksal wie Freedom For The Stallion, es wurde schlicht und einfach nicht wahrgenommen obwohl es keinen einzigen Ausfall zu beklagen gab, kein Wunder auch, Larry Holmes hatte wieder exquisite Songs verfasst und ausserdem standen plus/minus wieder dieselben Studiomusiker zur Verfügung. Die Single „Rockin‘ Soul“ schaffte es bei Billboard immerhin auf Platz 18.


(TV-Clip, TOPPOP, NL, 1974)

Die Position des dritten Sängers wechselte auch schon wieder, Fleming Williams ging, für ihn kam Tommy Brown. Love Corporation (1975) hiess dann die nächste LP und es gab einmal mehr gewaltige Songs wie „Gold Rush“ von Wally Holmes oder „Long Road“ von Lambert/Potter und die gleiche, phantastisch agierende Studioband.

1976 kehrte Karl Russell wieder zurück und übernahm von Tommy Brown den Job der dritten Stimme. Trotz ausgezeichneter Darbietungen im Soul/Funk-Bereich und der Rückkehr in die Dance-Charts mit der Single „I Caught Your Act“ wurde die Hues Corporation links und rechts von der Konkurrenz überholt und stehen gelassen, die LP’s I Caught Your Act (1976) und Your Place Or Mine (1978) erlitten Schiffbruch, die versunkenen Wracks liegen nach wie vor auf dem Meeresgrund im Schlick der Musikgeschichte und wurden bis heute noch nie vollständig gehoben.

Nach der letzten LP Boogie Me, Move Me (1980, das Album wurde nicht mehr weltweit veröffentlicht) mit Kenny James anstelle von Karl Russell lösten sich The Hues Corporation offenbar auf. H. Ann Kelley zog sich mehr oder weniger aus der Musikszene zurück, 1983 war sie an der LP Me Enamore von José Feliciano beteiligt. Bernard St. Clair Lee versuchte in den 90ern ein Comeback mit neuen Mitstreitern, es entstanden allerdings keine weiteren Tonträger.

Fleming Williams starb 1998,
Bernard St. Clair Lee folgte ihm 2011.

Der Trompeter, Songwriter und Produzent Waldo T. „Wally“ Holmes (Jg. 1928) absolvierte noch 2014 Liveauftritte mit seiner Traditional Jazz Band Yankee Wailers und geniesst bis zum heutigen Tag sein Leben im sonnigen Santa Monica in Kalifornien, die Rente besteht vermutlich aus den Tantiemen die noch immer für „Rock The Boat“ eintrudeln.

Selbst wenn Hues Corporation wegen „Rock The Boat“ immer wieder in die Disco-Ecke geschoben werden, 99% ihrer Musik war alles andere als Discosound, aber eben, ausser „Rock The Boat“ wurde The Hues Corporation kaum wahrgenommen, es ist die altbekannte Crux mit dem Hit-Phantom das man nicht mehr los wird.

SOUL EXPLOSION RCA!*
mellow

 

*Slogan RCA-Sticker, 1974

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2 Kommentare

  1. Nich’ Disco. Philly! Ich hab “Rock the boat” auf einem (sehr guten) Philly-Sampler aus den 90ern. Der Text macht mich neugierig. Da muss ich mal gucken.
    Die O’Jays verblüfften ja auch durch sowas wie “Ship ahoi”; da gibts eventuell doch noch’nen Schatz zu heben.

  2. Soul – R&B – Funk – Fusion – Philly – Disco? Eine Frage der Betrachtungsweise, wobei die Definition immer schwieriger wird für mich je weiter ich mich in die Materie vertiefe, bislang klare Grenzlinien beginnen immer mehr zu verschwimmen. Schlussendlich ist es aber auch egal, es sind einzig die Grooves und Melodien die zählen, egal in welcher Ecke man sie einordnet. Bei The Hues Corporation war “Rock The Boat” eher der stilistische Ausreisser, sie versuchten glücklicherweise nicht sich selber zu kopieren um mit einem Eigenplagiat den Erfolg zu wiederholen, der Grossteil des Materials mäandert zwischen Soul, Funk und Pop.

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