Molly Hatchet – Tragische Rocker 8

Pleiten, Pech, Pannen – Davon sind auch Rock-Stars nicht ausgenommen

Was gibt es schöneres für einen sommerlichen Musik-Beitrag als afrikanische Beats, Karibik & Reggae oder harten dennoch melodiösen Southern-Rock. Bilder bauen sich vor meinen Augen auf, schönes Sommerwetter, feiernde Menschen, rhythmische Klänge, kollektives Gelange wie wir es auch wieder mal bei irgendeinem Freiluft-Festival gerne wiederhätten. Die Hoffnung stirbt zuletzt, wie man so schön sagt. Diesmal ist das Thema der Sonnenschein-US-Staat Florida, genauer im Nordosten an der Atlantikküste die Industriemetropole Jacksonville. Ich war schon mal dort, besonders die südlich gelegene Gegend um Saint Augustine ist sehr typisch Südstaaten schön. Aus der Gegend stammen einige bekannte Musiker: Blueser Blind Blake, Scott McKenzie, Lynyrd Skynyrd, Limp Bizkit, Derek Trucks Band, Van Zandt Clan, China Sky und eben auch Molly Hatchet. Die wechselhafte Geschichte dieser Gegend hat Wurzeln in der vielfältigen nordamerikanischen Urbevölkerung, in mehreren europäischen Kolonial-Ländern und natürlich auch nach Afrika, Süd/Mittelamerika und die Karibik. Sie sind ein früher Schmelztiegel der Kulturen und bis heute sind die Menschen dort traditionsbewusst, stolz, sonnenverwöhnt. Und das alles ist Teil der Musik aus dieser Region im Südosten, dem konföderierten Teil der Vereinigten Staaten.

MH: Molly Hatchet (1978)

MH: Flirtin’ With Disaster (1979)

MH: Beatin’ The Odds (1980)

Eine Rock-Band die schon mit dem ersten, »selbstbetitelten Album« (1978) und dem Nachfolger »Flirtin’ With Disaster« (1979) Southern-Rock-Geschichte schreibt. Gold & Platin, Preise massenhaft weltweit und damit Sänger Danny Joe Brown, Bassist Banner Thomas, Schlagzeuger Bruce Crump und die drei Gitarristen Dave Hlubek, Steve Holland und Duane Roland zu strahlenden Rock’n’Roll-Helden macht. Ich möchte auch noch ordnungshalber den Studio-Keyboarder Jai Winding erwähnen, der bei fast allen Alben der ersten Dekade optimal unterstützte. Aber wo ist denn da der Haken?? Dazu kommen wir im weiteren Text. Die Band spielte seit Anfang der frühen 70iger einen beinharten Süd-Staaten-Rock, erarbeitete sich durch hunderte von Auftritten eine große Fangemeinde. Die stabile Mannschaft und die Marke waren 1975 gefunden. Aber schon bei »Beatin’ The Odds« (1980) war Jimmy Farrar an Bord und Danny Joe Brown schon nicht mehr dabei. Das ständige Touren mit einer massiven Diabetes-Erkrankung forderte ihren Tribut, aber er gründet dennoch die The Danny Joe Brown Band. Zum bekannten Song-Material passte aber Jim’s Stimme nicht. Kritik aus den Reihen der Fans und sinkender Erfolg wegen musikalischer Ausrichtung war das Resultat. Nach dem schwachen »Take No Prisoners (1981) war Farrar (10-2018 verstorben) auch schon nicht mehr auf der Gehaltsliste der Truppe, er startet eine unbeachtete Solo-Karriere. Für den Nachfolger »No Guts No Glory« (1983) hatte endlich Danny Joe Brown wieder das Mikro im Zentrum in Beschlag. Dafür sind Bass (Riff West) und Schlagzeug (Barry Borden) neu besetzt. Das Karussell dreht sich immer weiter, für »The Deed Is Done« (1984) geht Gitarrist Steve Holland, Keyboarder John Galvin kommt. In der 4-jährigen Pause erscheint noch »Double Trouble Live« (1985), dann 1989 »Lightning Strikes Twice«. Ebenfalls wieder guter Durschnitt, aber kein Meisterwerk. Juli 1990 ist erst mal Schluss. Es bleiben bis zum damaligen Zeitpunkt 2 echte Kult-, drei starke Alben und einige gute Einzelstücke. Keine schlechte Ausbeute.

Es folgte danach eine unruhige Zeit der ständigen weiteren Umbesetzungen und eines Rechtsstreites um die Namensrechte der Band zwischen Mitgründer und signifikanter Frontstimme Danny Joe Brown und seinem langjährigen Freund und Gitarristen Bobby Ingram (vorher: The Danny Joe Brown Band, China Sky). Bobby war erst 1987 zur Band gekommen, hatte ein Desaster mit China Sky hinter sich und wollte abgesichert unter der bekannten Marke Molly Hatchet nahtlos weitermachen. Wegen dieser jahrelangen instabilen Situation erscheint erst sieben Jahre später »Devil’s Canyon« (1996). Endlich wieder ein recht ordentliches Album, dass auch dank dem neuen führenden Gitarrist Bobby, fast nahtlos an die frühen Jahre Ende der 70iger anknüpfen kann. Danny Joe Brown musste dann aus gesundheitlichen Gründen die Band verlassen und starb im März 2005 tragisch. Nun ist kein einziges Gründungsmitglied mehr dabei, Phil McCormack (vorher Roadducks, Savoy Brown) ist mit Segen von Danny seit 1992 jetzt die prägende Stimme der Band. Auch die folgenden Alben »Silent Reign Of Heroes« (1998), »Kingdom Of XII« (2000) und »Locked And Loaded« (2003: Live Wacken, Hamburg, Bremen) knüpfen an die druckvollen, alten Traditionen des Southern-Rock und die Geschichte der Band an.

Erwähnenswert sind noch zwei Inkarnationen der originalen Molly’s. Zuerst die Dixie Jam Band, ist mit nur einem Album »Jammin’ For DJB« (2000, als CD und DVD), ein Männer-Projekt von Molly Hatchet. Hier steht Danny Joe Brown am 18. Juli 1999 in Orlando, Florida im Club La Vela das letzte Mal zusammen mit einem Großteil der Molly’s und vielen renommierten Weggefährten vor Publikum auf einer Bühne. Gator Country bestand aus den drei Gründern Bruce Crump, Duane Roland (wobei der nur auf einem Studio-Titel mitspielt), Steve Holland, sowie Sänger Jimmy Farrar, Tieftöner Riff West und dem Waliser Gitarristen Paul Chapman (stirbt 2020 Tag genau an seinem 66 Geburtstag). Sie veröffentlichten nur 2008 ein »Live-Album« (aufgenommen in Eastlake, Ohio) mit Titeln der Molly’s. Vielleicht ein Frust-Album, denn Danny Joe Brown war 2005 verstorben, Gitarrist Bobby Ingram hatte die Führung bei Molly Hatchet mit anderem Personal Ende der 80iger endgültig übernommen.

China Sky: China Sky (1988)

Dixie Jam B: Jammin’ For DJB

Gator Country: Live (2008)

Der letzte harte Schicksalsschlag war 2019 zu verkraften, als der langjährige Front-Vokallist Phil McCormack (1992: temporärer Helfer, April 1995: Vollmitglied) viel zu früh verstarb. Gitarrist Bobby Ingram (Frau Stephanie stirbt unerwartet 2005), der seit Mitte der 80iger bei der Band die Axt schwingt, zusammen mit Keyboarder John Galvin (1981: The Danny Joe Brown Band, 1984: Molly Hatchet) gelten nun als letzte Ur-Gesteine der Southern-Rocker. Schlagwerker Shawn Beamer (2001) & Bassist Tim Lindsey (2003) bilden dafür das perfekt eingespielte Rhythmus-Gespann. Auch mit Jimmy Elkins (Bounty Hunter) am Mikro immer noch eine absolute Live-Macht.

Weder temporärer noch dauerhafter Erfolg ist Garant für Glück, Zufriedenheit und Stabilität. Vielleicht ist der Name daran schuld, denn solche skurrilen Geschichten und Voodoo sind ja in den Südstaaten sehr verbreitet. Der Band-Name geht zurück auf die Prostituierte Abigail alias Molly Hatchet, die unter britischer Herrschaft im 17. Jahrhundert in dieser Gegend lebte und ihre Freier nach getaner Arbeit angeblich mit einer Axt köpfte oder wenn man Glück hatte nur verstümmelte. Und auch die gleichnamige Band wollte es mit drei Gitarren immer etwas härter als viele andere Kollegen des Genres. Zu den bereits beschriebenen ständigen Besetzungswechseln, die stabilste Phase war eigentlich vor dem Debüt, suchen nach Weiterentwicklung und damit verbundene Unruhe, war es schwierig die Masse der Fans gewogen zu halten. Bei Männern in meinem Alter, geht man davon aus, dass sie in der Regel zumindest mal das Rentenalter erreichen. Aber dem ist nicht immer so, besonders bei der namentlich mörderischen Dienstleisterin. Danny Joe Brown (2005, Nierenversagen) und Duane Roland (2006) machen den Anfang, beide werden nur 53 Lenze. Schlagzeuger Bruce Crump wird nur 57, stirbt jung 2015, arbeitet aber in dem Jahr noch am zweiten Album von China Sky mit. Dann 2017 wieder ein Doppelschlag mit Banner Thomas und Dave Hlubek, sie sterben 60- & 66-jährig. Letzter im Bunde Steve Holland setzt 2020 mit 66 den Schluss-Punkt hinter die Gründerväter der Rock-Legende aus Duval County, Florida. Aber auch die weiteren tragenden Säulen erwischt es: 64-jährig Riff West (2014, Unfallfolgen), Jimmy Farrar (2018), 58-jährig Phil McCormack (2019, Herzinfarkt). Auf die genaueren Umstände gehe ich in diesem Beitrag nicht ein, einige sind jedoch Tragisch.

In einem kurzweiligen Interview erzählte Gründer und Gitarrist Dave Hlubek über die Zeit Mitte der 70iger, als der vierte Sänger der Band Bobby Maddox hieß und Danny Joe Brown als Nachfolger und #5 zur Band stieß und Bobby ersetzte. Sie spielten hauptsächlich in den selben Clubs im östlichen Grenzgebiet zwischen Florida und Georgia, aber besonders in den 12 Rock’n’Roll-Clubs in der Gegend um Jacksonville im Duval County. Es wurden alle nacheinander besucht und als man mit den Clubs durch war, hatten man wieder einen neuen Namen und das Spiel begann wieder von vorne. Eine Murmeltier-Vorgehensweise die nicht zum Bekanntwerden beitrug. Die sechs Bandmitglieder beschlossen einen weiteren Neustart mit frischen Sänger Danny und neuen Namen. Jeder schrieb drei Namen auf einen Zettel und warf sie in eine Baseball-Kappe. Die zufällige Wahl fiel auf Molly Hatchet, ein Name der allen gefiel und der auch die musikalische Ausrichtung gut flankierte. Der Produzent Tom Werman, bekannt auch für seine Arbeiten an der geradlinigen Rock-Musik von Cheap Trick und Ted Nugent, entwickelte zusammen mit der Band einen eigenständigen Fingerabdruck mittels einer Melange aus hartrockigen Blues, schnell-rhythmischen Boogie und mehrstimmige Gitarrensalven. Mit dieser Rezeptur spielt sich dieses Septett ab 1975 auf den Bühnen des sonnigen Südens in die Herzen der Fans. Als September 1978 endlich das »selbstbetitelte Debüt« erscheint, wird es den Händlern aus den Händen gerissen. Die Helfer beim ersten Album: Perkussion (Tom Werman), Keyboards (Jai Winding) und Tim Lindsey am Bass, der dann ab 2003 zur Stammbesetzung der reformierten Besetzung um Bobby Ingram gehörte. Das Album mit dem erstklassigen Cover-Bild (The Death Dealer) von Frank Frazetta, er gestaltet auch die Covers der nächsten beiden Alben (Dark Kingdom, Conan The Conqueror), sowie das signifikante passende Band-Logo sind wie bei Treibladung. Das Debüt wird in den USA in kurzer Zeit ein Mega-Seller, innerhalb eines Jahres über eine Millionen Mal verkauft.

Joyce Kennedy: Herzberg Fest

Mit dem Nachfolger »Flirtin’ With Disaster« setzen sie noch einen drauf. Doppel-Platin und Gold-Status. Der Titel-Song wurde weit und breit bekannt und ist wohl auch heute noch der in Nordamerika bekannteste Hatchet-Song. Molly Hatchet spielt mit den Rockstars der damaligen Zeit auf Augenhöhe die großen Bühnen Nordamerikas und der Welt jenseits Pazifik und Atlantik. Sie sind eingespielt, sie sind leidenschaftlich, sie sind im Rock-Olymp angekommen, und wie. Mit dem zweiten und meist schwierigeren Album noch mal einen draufgesetzt, da kann doch nichts mehr schiefgehen. Doch: »The Price You Pay«, ein Titel vom Debüt zeigt es schon auf. Die prägende Rock-Röhre Danny ist nicht so gesund, fünf Jahre exzessives Leben als Profi-Musiker haben bei ihm tiefe Spuren hinterlassen. Beim Coast-Guard Danny Joe Brown wurde schon 1970 Diabetes diagnostiziert, die sich über 10 Jahre massiv verschlimmert hatte. DJB muss dringend Schub rausnehmen. Die Band entscheidet musikalisch eine etwas neue Ausrichtung mit Jimmy Farrar am zentralen Mikro. Mit ihm nahm die Band die Alben »Beatin’ The Odds« (1980) und »Take No Prisoners« (1981) auf. Farrar unterschied sich aber mit Stimme und Stil deutlich von Brown. Dazu ein etwas anderer Band-Sound Richtung Funk und Soul (Helfer dabei Joyce Kennedy, Tower Of Power Gebläse) und schon ist die Southern-Rock-Walze ins Stocken gekommen. Und das zieht sich trotz Rückkehr von Danny ans Mikro weiter durch. Aber man hat ja drei weltweite beachtete Alben eingespielt, da kann man sich doch zurücklehnen. Weit gefehlt, die originale Besetzung zerfällt, die Krankheit schreitet bei Danny fort, die Einnahmen kommen ins Stocken. Es geht so weit das man Danny ab 1983 noch einmal an das Mikro zurückholt, zuletzt 1996 für »Devil’s Canyon«, auch damit nach der langen Album-Pause er wieder Geld in die Kasse bekommt. Am 18. Juli 1999 wurde im Club La Vela in Orlando, Florida ein Benefizkonzert der Dixie Jam Band zugunsten des langjährigen Sängers Danny Joe Brown veranstaltet. Hier steht er das letzte Mal zusammen mit einem Großteil der Molly’s und vielen renommierten Weggefährten vor Publikum auf einer Bühne. Brown steckt seit seinem Schlaganfall in finanziellen Nöten. Der Auftritt wird auch deshalb als »Jammin’ For DJB« (2000) als Audio und Video veröffentlicht. Danny Boy stirbt am 10. März 2005 an den Folgen seiner vielen Erkrankungen. Er ist der Erste der 75er-Clique. Keiner der anderen tritt nach Ausscheiden aus der Band noch groß in Erscheinung, alle erreichen nicht mal das Rentenalter, Dave Hlubek wird immerhin 66 Jahre alt. Im Show-Biz sieht man zuerst mal auf die Kulissen und Maskerade. Aber schaut man dahinter, wie es zum Beispiel mein geschätzter Kollege Michael Fuchs-Gamböck oft getan hat, dann sieht man oft auch die Kehrseite der Medaille ungeschminkt. Nachzulesen in 50 skurrilen Geschichten Er Hatte Sie Alle!. Was bei den Männern aus Jacksonville bleibt sind einige interessante Lebensgeschichten, die ich versucht habe hier kurz zu skizzieren und am Leben zu erhalten. Und darüber hinaus, wenn ihr Zeit und Lust habt, ein Konzert von Molly Hatchet Reloaded zu besuchen. Nächste Chance für euch, Dezember 2021 kommt die Band für einen Monat nach Europa (UK, BE, DE, SW). Nicht nur zum Urlaub machen, die Instrumente bringen sie mit und das Süd-Staaten-Feeling ebenfalls. Ich freue mich drauf. Wie gesagt: Die Hoffnung stirbt zuletzt !!

Weiterlesen RZ: Tragische Rocker – Klingende Grüsse, egal wo ihr seid, Der SchoTTe

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