Clouds

Soweit ich weiss wurde das Ende der Clouds nie verfilmt, dabei ist es eine Szene die förmlich nach einer cineastischen Umsetzung schreit: Der Legende nach schmiss Keyboarder Billy Ritchie im Oktober 1971 mitten in einem Konzert sein Tastengerät ins Publikum, kletterte ohne sich von seinen beiden verdutzten Bandkumpels zu verabschieden von der Bühne und schritt wortlos durchs Publikum hindurch zum Ausgang der Halle und wurde nicht mehr gesehen. Besser ein Abgang mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende schien er sich gesagt zu haben.

Die Anfänge der Clouds liegen weit zurück, nach seinen ersten musikalischen Erfahrungen in Larnakshire, traf der Organist Billy Ritchie (eigentlich William Edward Ritchie) in Edinburgh bei The Premiers auf Bassist Ian Ellis und Drummer Harry Hughes. Nach dem Aus der Beatcombo schlugen die drei Freunde einen radikalen Weg ein, sie verzichteten auf Gitarre und blieben ein Trio. Auf 1-2-3 wie sie sich jetzt nannten wurde der Beatles-Manager Brian Epstein aufmerksam, ihm gefiel offenbar die Art und Weise was die Band aus Pop- und Blues- und Folksongs von anderen machte (z.B. „America“ von Paul Simon oder „I Dig Everything“ von Alan David Jones, aka David Bowie), bei 1-2-3 klang das nach einem solchen „Tuning“ alles ziemlich frisch und neu. Auch das Umfeld der nach London übersiedelten Band nahm das zur Kenntnis, einer der im Marquee Club ganz genau hinhörte war Keith Emerson, er adaptierte die Idee mit den langen verschachtelten Arrangements die am Schluss wieder zu ihrem Ausgangspunkt zurückkehren (vermutlich liessen sich die Clouds ihrerseits vom Jazz inspirieren) und setzte sie umgehend in seinem eigenen Projekt The Nice um. Zu der Zeit arbeitete übrigens ein weiterer späterer Star im Marquee, der Barkeeper Jon Anderson sollte schon bald mit Yes für Furore sorgen.

Auch wenn sie keine offiziellen Tonträger hinterliessen, 1-2-3 waren sozusagen die Keimzelle einer neuen Bewegung die bald unter dem Etikett „Progressive Rock“ Furore machen sollte. Nach dem Tod ihres Mentors Epstein im August 1967 vollzogen 1-2-3 einen Namenswechsel, unter dem neuen, von Ellis vorgeschlagenem Namen Clouds fanden sie Unterschlupf beim angesagten Label Island. Ritchie wäre lieber bei 1-2-3 geblieben, für ihn klang Clouds in der breiten Aussprache seiner Landsleute eher wie Clowns.

Die Single „Make No Bones About It / Heritage“ wurde 1968 zum Tonträgerdebut der aufstrebenden Band, der von Andy Johns betreute Longplayer Scrapbook folgte 1969. Scrapbook ist wirklich ein „Sammelbuch“, hier wurden die unterschiedlichsten musikalischen Ecken versammelt, von orchestralen Popballaden wie „Ladies And Gentlemen“ bis zum umwerfenden mit Mundharmonika ausgestatteten „Old Man“. Neben dem Einsatz eines Orchesters griffen Ritchie und Ellis da und dort auch zur Gitarre, insgesamt hatten die Clouds (ähnlich wie ihre Labelkollegen Traffic) eine grosse stilistische Vielfalt zu bieten.

Bei Island sah man allerdings mehr Potential in der erwähnten Band von Steve Winwood und bei King Crimson. Trotzdem es die Clouds auf die Island-Sampler Bumpers und You Can All Join In (mit dem berühmten „Herden“-Cover mit den auf der Compilation vertretenen Künstlern) geschafft hatten, wurden sie zusammen mit anderen Acts an das verbandelte Label Chrysalis weitergereicht.

Das Album Up Above Our Heads (1970, Sublabel Deram/London) das zum Teil auf Scrapbook-Material zurückgriff, mit „Imagine Me“ und dem fast 14-minütigen furiosen, teilweise jazzig angehauchten Jamtrack „Sing, Sing, Sing“ aber auch neue Kompositionen enthielt, wurde offenbar nur in Übersee auf den Markt geworfen. Da nütze es herzlich wenig wenn die Clouds im Februar 1970 ihr „Imagine Me“ (inklusive dem integrierten von Kim Fowley geschriebenen „Nut Rocker“-Part den Emerson vor Jahren von den Clouds kopierte) bei einem Auftritt im deutschen Beat Club abrockten als sei der Teufel hinter ihnen her.


Die phantastische LP Watercolour Days (1971, Chrysalis) wurde zum Clouds-Schlussbouquet und beinhaltete faszinierenden, zeitgenössischen Orgel- und Pianorock. Ian Ellis der sich jeweils mit Ritchie die Vocals teilte fand auf diesem Album zu seinem neuen Gesangsstil, das heisst er wagte sich wie bei „Cold Sweat“ mit seiner Stimme allmählich in höher liegende Bereiche vor. Die von den Clouds gemeinsam verfassten Songs verpassten einmal mehr ein grösseres Publikum, auch ein klasse Stampfer wie „Long Time“ und  Tourneen als Anheizer von Jethro Tull halfen da nichts.


Es kam wie eingangs erwähnt: Ritchie schmiss seine Orgel über Bord, schritt von dannen und liess in Zukunft die Finger vom Musikbusiness, die Clouds waren Geschichte. Harry Hughes (Billboard Magazine: „The most brilliant drummer oft he early rock era“) veröffentlichte 1974 einen Lehrgang für Drummer und verabschiedete sich 1980 nach einem Gastspiel bei Long John Baldry in einen bürgerlichen Beruf. Ian Ellis blieb am Ball, er veredelte mit seiner Stimme die Alben Skin’N’Bone (1976) und Savage Return (1978) von Savoy Brown und tauchte als Bassist bei Steve Hackett, Sean Tyla, Mick Clarke und in Projekten von Pete Townshend auf.

An der Clouds-Tonträgerfront sieht es leider nicht gut aus.
Am ehesten findet man die originalen LP’s als Second-Hand-Ware.
Für die Debut-Single von ’69 greift man ziemlich tief in den Geldbeutel.
Die CD Scrapbook / Watercolor Days (1996, BGO Records) ist vergriffen.
Die DoCD Up Above Our Heads – Clouds 1966-71 (2010, BGO Records) leider auch.
Die japanischen Pressungen der einzelnen Alben sind normalerweise auch nicht gerade billig.
In Form von Downloads kann man die Clouds-Aufnahmen zwar auch beschaffen, allerdings… naja…

2012 brachte die Tageszeitung THE SCOTSMAN die drei Protagonisten für ein Interview noch einmal zusammen, die Überschrift des Artikels lautete: Clouds, the greatest Scottish band you’ve never heard of. Mir scheint in diesem Titel steckt ein Stück Wahrheit drin…

LONG LIVE SCOTTISH POP MUSIC!
mellow

(Visited 60 times, 1 visits today)

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

19 − zehn =