The Goodees

Nein, sie hätten nie an einem Talentwettbewerb teilgenommen und seien deshalb zum Vorsingen bei Stax vorgeladen worden, das sein ein Gerücht das irgendwann in die Welt gesetzt wurde meint Sandra Jackson in den Liner Notes des Booklets zu The Complete Goodees. Stattdessen sei sie 1967 nach Abschluss der Highschool mit ihren ebenfalls aus Sherwood Forest (Vorort von Memphis) stammenden Freundinnen Judy Williams und Kay Evans anlässlich eines Auftritts in einem Restaurant von einem zufällig anwesenden Stax-Mitarbeiter entdeckt worden. Die drei jungen Damen kannten sich seit frühester Kindheit und sangen fürs Leben gern miteinander, ohne Ansprüche eiferte das namenlose Trio in der Freizeit Girl Groups wie den Ronettes und den Crystals nach.

Es folgte eine Einladung zur Audition bei Stax, gemäss Sandra Jackson hatten die Teenager keine Ahnung wie gross dieses Label eigentlich war, für sie war das nur irgendeine Plattenfirma. Dort sahen sie sich umringt von Leuten wie dem Labelboss Jim Stewart, Isaac Hayes, David Porter, Booker T. & The MG’s. Sie erschraken beinahe zu Tode bei der Anwesenheit so vieler, offenbar wichtiger Leute, trugen verunsichert den Folkstandard «If I Had A Hammer» vor und sahen das Kapitel als beendet an. Sie staunten nicht schlecht als sie ein paar Wochen später die Bescheinigung erhielten sie hätten Talent und Potential, Isaac Hayes glänzte mit der Aussage «We’re gonna make you the new white Supremes» und verpasste ihnen zu Beginn der Kennenlernphase den Namen Good Guys den er dann aber schon bald in The Goodees änderte.

Die ersten Aufnahmesessions wurden von Hayes und Porter durchgeführt, die Backingband stellten die Bar-Kays mit denen sich die Goodees auf Anhieb verstanden. Die Single «For A Little While / Would You, Could You» enthielt die ersten Resultate und erschien ‘67 beim Stax-Sublabel HIP. Es war eine der letzten Arbeiten der originalen Bar-Kays, sie stürzten am 10. Dezember 1967 an Bord einer zweimotorigen Beechcraft Model 18 zusammen mit Otis Redding ab, neben dem Soul-Star kamen im eisigen Wasser des Monona-Sees auch vier Mitglieder seiner Begleitband ums Leben. Die traumatische Katastrophe wirkte sich auf die Goodees aus, fast ein Jahr lang ruhte die Arbeit an weiteren Aufnahmen. Mit der Single «Condition Red» meldeten sie sich 1968 zurück, das Teenage-Melodrama rauschte in den Billboard-Charts auf #46. Die Nummer ist ganz nah dran am Feeling von «Leader Of The Pack» von den Shangri-Las, inklusive Motorrad-Crash und Kirchenorgel die am Ende des Songs eventuelle offene Fragen überflüssig macht.

   

«Condition Red» wurde zum Zugpferd für den Longplayer Candy Coated Goodees der 1969 bei HIP veröffentlicht wurde. Auch wenn Sandra Jackson nicht sonderlich stolz auf dieses Album ist (für sie ist es ein Flickenteppich), sie selber, Judy und Kay liebten die Arbeit als Sängerinnen trotzdem, der musikalische Entstehungsprozess in den Tonstudios bescherte ihnen unbeschreibliche Momente des Glücks. Ein Teil der versammelten Songs wurde vom Produzententeam Don Davis und Fred Briggs geschrieben, es gab aber auch ein paar Coverversionen, «He’s A Rebel», «My Boyfriend’s Back» oder den grossartigen Kracher «Double Shot» von der Blue-Eyed Soulband  Swingin’ Medallions, letztere Nummer findet man auch auf dem Sampler Girls With Guitars (2004, Ace Records), im Fall der Goodees ein irreführender Titel da sie sich nie mit Gitarren bekränzten, respektive das Gitarre spielen den Profis bei Stax überliessen.

Musikalisch gibt es vermutlich keine Stax-Platte die nicht überzeugt, bei den Goodees kam der dynamische Stax-Bass/Drum/Strings-Mix ein weiteres Mal ausgezeichnet zum Tragen, ein klasse Nährboden für die drei singenden Freundinnen die sich durch die ihnen zugewiesenen Songs pflügten. Es ist die Art und Weise ihrer Performance welche die Goodees in die Nähe von Southern Gothic (das Genre wird teilweise auch Gothic Americana oder Dark Country genannt, oft werden düstere Geschichten mit ungutem Ausgang erzählt, ein Meister des Fachs war Johnny Cash) rücken lässt: Der oft mitklingende morbide Unterton im Gesang implantiert bei den meisten Songs weitere Gedankenebenen in die Texte, sie scheinen nur vordergründig luftig und locker zu sein. Bei «Jilted» wird es diesbezüglich ganz unverblümt und konkret, da rollt sich der bunte Wandbehang im beschaulichen Vorstadteigenheim zusammen, dahinter kommt von Bakterien zerfressener Tapetenkleber und grauer, teils schimmliger Gipsverputz zum Vorschein. Es ist die ultimative Horrorstory, vor allem für (weisse) Mädchen in den konservativen Südstaaten der USA: Unverheiratet, schwanger und sitzengelassen vom Vater des ungeborenen Kindes. Als unmittelbare Konsequenz davon stürzt auf der Stelle die Fassade der Familienidylle ein. Bete zu Gott, dass die von Schande gepeinigten Mom und Dad nicht Hand in Hand von der nächsten Brücke springen und dein bewaffneter Bruder nicht loszieht um Richter und Henker zu spielen und so die Familienehre wiederherzustellen. Nein, es gibt definitiv kein Hochzeitsfest, stattdessen… es lässt sich nur erahnen… Mädchen, Mädchen, was hast du uns bloss angetan, deine Neugier und Unvorsichtigkeit stürzt deine Liebsten in einen abgrundtiefen Höllenschlund!

Das mit Glocken, Synthesizer (?), E-Sitar und betörendem Orchester veredelte «Jilted» aus der Feder der Produzenten Davis / Briggs war vermutlich zu schräg und progressiv für die damaligen US-Hitparaden, es erlangte dafür im Lauf der folgenden Jahrzehnte Kultstatus und landet immer wieder mal auf Compilations, beispielsweise auf Where The Girls Are – Volume 6 (2004, Ace Records).


The Goodees: Sandra, Kay, Judy

Bei Stax hätten sie grössere Fische als die Goodees zum Braten gehabt bilanziert Sandra Jackson im Nachhinein, das Label verlor allmählich das Interesse an ihnen obwohl sie im Stax-Umfeld gern gesehen und akzeptiert waren. Da es an Promotion fehlte, versandeten auch die Auftritte bei WHBW-TV (die Backup-Tapes sind leider verschollen) und Live-Shows, zumindest einmal traten The Goodees Seite an Seite mit Acts wie Iron Butterfly und Canned Heat auf (Pittsburgh, 1968). Die letzten Sessions in den Fame Studios in Muscle Shoals wurden von Dan Penn und Spooner Oldham geleitet, die Songs (darunter das umwerfende «Angry Eyes») erschienen allerdings erstmals 2010 als Teil von The Complete Goodees.

1970 beendeten The Goodees ihre Karriere, zuerst heiratete Judy, dann Kay. Judy kriegte einen Job als Sekretärin bei Jim Stewart und Kay eine Schar Kinder. Sandra kam in der Stax-Werbeabteilung unter und blieb der Firma treu, zumindest bis zum Konkurs von Stax am 19. Dezember 1975.

LONG LIVE SOUTHERN’GOTHIC’ROCK’N’SOUL!
mellow

 

The Goodees – Candy Coated Goodees (1969, LP, HIP)

01. Condition Red
02. Sad Song For Harry
03. A Little Bit Of You
04. Double Shot
05. Worst That Could Happen
06. Girl Crazy
07. Didn’t Know Love Was So Good
08. Jilted
09. My Boyfriend’s Back
10. Promises
11. He’s A Rebel

 

Condition Red! – The Complete Goodees (2010, CD, Ace Records)
01 – 11 sind identisch mit der Trackreihenfolge der LP Candy Coated Goodees

Non-Album-Singles:
12. For A Little While
13. Would You, Could You
14. Love Is Here
15. Goodies

Unveröffentlichte Recordings:
16. Angry Eyes
17. Love Me Love
18. Show Me How
19. Last Of The Good Guys
20. Didn’t Know Love Was So Good (Alternativ-Version)
21. Have You Ever Hurt The One You Love
22. Love Pill

(Visited 41 times, 1 visits today)

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

5 × 1 =