Beat Fräuleins (Teil 3)

Vicky, ein Beat Fräulein aus Hamburg.
Naja, etwas geschummelt, eigentlich war sie Griechin (1952 auf Korfu zur Welt gekommen) und die musikalischen Anfänge waren nicht immer Beat, man kann Vicky aber trotzdem problemlos im Beat Fräulein– und Yé-Yé-Gelände platzieren.


Gleich mit der ersten, am 1. Juni 1965 veröffentlichten Single landete der Teenager einen Hit: „Messer, Gabel, Schere, Licht“ erreichte Platz 15 in den Charts. Der Song ist alles andere als Schlager, er ist äusserst beatlesk, hat einen auf den Punkt gespielten Rhythmus zu „beaten“ und einen tollen instrumentalen Break in der Songmitte, ausserdem ist das dazugehörige Werbefilmchen in stilechtem Schwarz/Weiss und Vicky als tanzendem Silhouette-Mädchen ein echter Hingucker. Sie wurde in dem Promo-Streifen allerdings auch als Beifahrerin eines Playboy-Typen in ein Benz-Cabrio gesetzt und zwischendurch auf’m Spielplatz abgelichtet.

Hallo?
Irgendwie wirken diese Szenen im Nachhinein betrachtet etwas, naja, sagen wir mal „seltsam“ oder „zwielichtig“. Bei der Altersangabe wurde jedenfalls massiv getrickst (aha, das wird ein waschechter „Schummelartikel“). Anmoderation: „Wir stellen vor: Den Schlager des Monats, ein neues Gesicht auf der Leinwand – Vicky, ein 15jähriger Hamburger Teenager griechischer Herkunft tanzt und singt einen alten Kinderreim“. Also nach meiner Berechnung war das griechische Fräulein damals höchstens ca. 13 Jahre jung und nicht 15 wie am Anfang des Trailers erwähnt, aber das zog sich durch: Als sie beim ESC 1967 für Luxemburg das betörende „L’amour est bleu“ vortrug, wurde sie als 17jährige angesagt. Volljährigkeit erreichte man damals in weiten Teilen Europas übrigens erst mit 21 Lenzen, das Leben eines Beat Fräuleins muss also in vielen Bereichen äusserst spannend gewesen sein, meistens spielte es sich wohl bei Nacht und Nebel irgendwo am Rande der Legalität ab. Anyway, „Messer, Gabel“ ist eine furiose Beat-Nummer an der auch Vicky’s Papa, Sänger und Komponist Leo Leandros beteiligt war.

    
1966 erschien mit Songs und Folklore die erste LP mit dem grossartigen Blickfang-Cover ein französisch/englisch/deutscher Streifzug durch die Gebiete Folk, Chanson, Pop, Schlager, gar nicht mal schlecht gemacht. Dieses mehrsprachige Konzept wurde auf LP No. 2 A Taste Of… Vicky im drauffolgenden Jahr gleich nochmals verwendet. Eine daraus ausgekoppelte Single „Grünes Licht“ mit der B-Seite „Sagt mir, wo ist mein Boy?“ (eine Interpretation von Bee Gees‘ „New York Mining Desaster“) fand kürzlich den Weg in meine Jukebox. Eigentlich war ich ja auf der Jagd nach „Messer, Gabel, Schere, Licht“, aber eben, nach so vielen Jahren liegen auch diese Platten nicht mehr in jeder Ecke herum, man krallt sich eben was man gerade kriegt. Nun, wer sich die Zeit nimmt um sich durch die frühen Jahre dieses Fräuleins aus Hamburg zu pflügen, der wird angenehm überrascht sein wie schillernd die Farbpalette war.

Später wurde Vicky Leandros zu einem der ganz grossen Szene-Stars, ihre Lieder produzierte sie in allen möglichen Sprachen, Deutsch, Französisch, Italienisch, Englisch, Griechisch, das Resultat waren 55 Millionen verkaufte Tonträger.

 

Suzie, alias Maria Catharina Martina Pereboom (1946 – 2008).
Die Holländerin Suzie – vor ihrer Gesangskarriere arbeitete sie als Zirkusartistin – fand den Weg nach Deutschland über Skandinavien. Ähnlich wie Vicky war sie ein Sprachtalent, agierte während ihrer aktiven Karriere international und war eben auch kein Beat-Fräulein im eigentlichen Sinn (auch wenn sie in Schweden mal bei den Beatles im Vorprogramm gelandet war), sie hatte dafür ein paar klasse Balladen im Gepäck allen voran „Du, du, du gehst vorbei“ (Englisch: „Whenever My Love Passes Me By“ / Dutch: „De Wereld Is Leeg Zonder Jou“) von 1964, ein grandioser Schmachtfetzen, egal in welcher Sprache sie den präsentierte.

  
Suzie
war auf Singles spezialisiert, die Anzahl ihrer veröffentlichten 45er wegen der vielen Sprachen relativ gross und dementsprechend unübersichtlich. Auf Langspielplatte gab es Suzie nur gerade einmal, die LP Portrait in Musik wurde 1965 in Germany von Vogue Schallplatten veröffentlicht und enthielt natürlich deutsche Titel, neben ihrem unermüdlich vor sich hin polternden Hit „Johnny komm“ („Johnny Loves Me“ / „Johnny Lief“) auch das groovy „Ich will immer nur dich“ im Soul-Stil amerikanischer Mädchen-Bands, ein ausgezeichneter Titel, also falls man das trashige, gesprochene Intro überstanden hat. Der vielleicht schärfste von Suzie gesungene Track hat es leider nie auf Schallplatte geschafft, der Rocksteady-Song „Cup Of Tea“ mit seinem Schrill-Farfisa-Orgel-Solo den sie 1964 in der schwedischen Filmkomödie Åsa-Nisse i popform performt hatte, wäre garantierte ein Hit geworden, in einer deutschen Fassung sowieso.

Gegen Ende 60er erschien immer weniger Material speziell für den deutschsprachigen Markt, erwähnenswert vielleicht noch ihre deutsche Coverversion von „Da Doo Ron Ron“ (1969). Suzie zog sich nach 1970 aus dem Showbiz zurück, betrieb mit ihrem Ehemann eine Bar, arbeitete in der Reisebranche, als Verkäuferin und Lehrerin. Sie starb 2008 unter ungeklärten Umständen.

Epilog:
Sowohl zu „Messer, Gabel, Schere, Licht“ als auch zu „Du, du, du gehst vorbei“ hat der Schreiberling eine lange zurückreichende Verbindung gefunden: Als ich im Laufe dieser Beat-Fräuleins-Recherche auf die entsprechenden Single-Cover stiess war mich sofort klar, dass ich die darauf enthaltenen Titel nur zu gut kannte: Beide 45er gehörten Ende der 60er zur Plattensammlung (sprich ein Stapel Schlager- und Beatsingles) meiner älteren Schwester und landeten regelmässig auf dem Plattenteller ihres Kofferplattenspielers. Ich hatte diese Tatsache jahrzehntelang verdrängt, bis jetzt, der Kreis scheint sich nun geschlossen zu haben. Ich hoffe mal die beiden von mir hochgejubelten Singles gehörten Anfang Seventies nicht zu denjenigen die von mir und meinen Freunden aufgrund mangelnder Kunstkenntnis zu Frisbees umfunktioniert wurden, ein solches Ende hätten diese tollen Scheibchen nun wirklich nicht verdient…

mellow

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