Arlette Zola

Yé-YéSängerinnen (respektive singende Beat-Girls) gab es in der Schweiz in den Sixties kaum, trotz französischsprachigem Landesteil und geografischer Nähe zur Grande Nation. Nun, eine Artistin bildet die Ausnahme, die aus Fribourg stammende Arlette Zola ist vermutlich die einzige Schweizer Vertreterin die diesem Genre zugerechnet werden kann. Im Vergleich zu vielen ihrer französischen Mitbewerberinnen konnte sie sogar singen. Arlette ist allerdings längst nicht die bekannteste Persönlichkeit aus dem zweisprachigen Freiburg an der Saane (im Üechtland, nicht zu verwechseln mit Freiburg im Breisgau), die Namen des aktuellen Bundesrates Alain Berset, des Künstlers Jean Tinguely oder des am 24. Oktober 1971 tödlich verunglückten F1-Rennfahrers Jo Siffert sind vermutlich geläufiger.

Nun, natürlich war nicht alles lupenreiner Beat den Arlette Jacquet-Quazzola ab 1965 veröffentlichte, die Grenze ist verschwommen und nicht immer klar gezogen, die Titel können teilweise auch den Bereichen Chanson und Schlager zugeordnet werden, aber auch das gehörte zu Yé-Yé, das Genre war eben auch ein Experimentierfeld. «Elles sont coquines» (1966) war schon recht erfolgreich, sprachbedingt natürlich vor allem im frankophonen Gebiet und in Paris – dem eigentlichen Epizentrum der Yé-Yé-Bewegung – stand die junge Sängerin schon bald im Rampenlicht. Ein paar von Arlettes Aufnahmen sind wirklich Yé-Yé (meist zuckerfrei, stattdessen ruppig, oft rebellisch, unangepasst und fast immer mit groovendem Beat unterlegt), so auch das exzellent rockende «Mathematique Elementaire» oder «Deux Garçons Pour Une Fille» («Zwei Jungs für ein Mädchen»), der Antwortsong auf «Une Fille Pour Deux Garçons» («Ein Mädchen für zwei Jungs») das die Lausanner Beatband Les (Faux) Frères basierend auf George Harrisons «You Like Me Too Much» 1965 auf ihre brutal starke EP Pourquoi Suis-Je La gepresst hatte. Ein klarer Beweis dafür also, dass es in der Alpenrepublik eben doch noch mehr gab als nur Les Sauterelles oder die Sevens, Dynamites und Countdowns aus dem Grossraum Basel.

«Deux Garçons Pour Une Fille» findet man auf Arlettes erster Langspielplatte die es auch als alternative Ausgabe mit 4 Songs in Deutsch gab, «Schneewittchen» allerdings genauso verzichtbar wie das französische Pendant «Blanche Neige». Ausgekoppelt aus dem Album landete «Deux Garçons Pour Une Fille» auch auf der gleichnamigen EP von 1967, für mich ist diese 4-Track-Scheibe die eigentliche Zola-Referenzplatte, bei diesen Titeln stimmt einfach alles, eine gelungene Gratwanderung zwischen Pop und Beat. Arlette stand da auf dem Plattencover in idyllischer Umgebung an einem Dorfbrunnen, bezeichnend für die eher ländlich geprägte und gemütliche Heimat von Arlette, vermutlich war das ein imagetechnisches Verkaufsargument im umkämpften französischen Yé-Yé-Tonträger-Markt, Mädchen vom Land tritt gegen ihre glamurösen Grossstadtcousinen an. Ihre Platten wurden damals übrigens vom französischen Label Disc’Az herausgegeben, zu ihren Labelkollegen gehörten also Brigitte Bardot, Michel Polnareff und Danyel Gérard, ja, der mit dem Hit «Butterfly». Trotz Az hatten diese Initialen aber nichts mit Arlette Zola zu tun, die Plattenfirma war 1963 vom französischen Songschreiber Lucien Morisse gegründet worden.


«Deux Garçons Pour Une Fille» wurde sogar mittels TV-Clip promotet, das Westschweizer Fernsehen (Vermutung) drehte vor der Kulisse der Stadt Fribourg (im Hintergrund ist bei einigen Einstellungen die 1960 eröffnete Galternbrücke zu sehen) einen Werbe-Auftritt bei dem Arlette zuerst von einem Reporter interviewt und danach zum Playback von zwei Jungen mit Mofas (Marke Sachs?) umkreist wurde. Nicht ganz scharf das ins Web überspielte Filmdokument und deshalb auch schwierig die involvierten Mofas zu identifizieren, aber trotzdem nicht minder spannend was da 1967 abgedreht wurde, eine Art cineastisch, modernistischer Pop-Clip aus der Provinzstadt.



(Printscreens: Arlette Zola in Fribourg – YouTube)

Auf vielen ihrer Aufnahmen wurde Arlette von Bernard Kesslair Et Son Orchestre begleitet, eine Formation die sich wirklich Mühe gab diesen neuartigen, treibenden Beat aus England inklusive Strom-Gitarren in ihr Soundbild zu integrieren. Bernard Kesslair war hauptsächlich Songschreiber und Produzent, darunter auch für unzählige Yé-Yé-Mädchen wie Bernadette Grimm, Annie Philippe, Angelique, Jocelyne, Michèle Torr, er komponierte und arrangierte aber auch für etablierte Stars wie Johnny Hallyday oder Dalida.






(Printscreens: Sauterelles & Arlette Zola in Brig – Archiv SRF)

1968 hatte Arlette Zola einen weiteren TV-Auftritt: Für das Magazin Antenne des staatlichen Schweizer Fernsehsenders SRG ulkten Les Sauterelles (mit Düde Dürst und Toni Vescoli) im Stil der Beatles zu ihrem No-1-Hit «Heavenly Club» mit Degen und Rüstung ausgestattet durch das historische Gemäuer Stockalperschloss (Brig, Wallis). Arlette spielte in diesem durchaus witzigen Promo-Streifchen die Rolle eines Burgfräuleins das schlussendlich von Keyboarder Fritz Tippel (alias Little Fritz) gerettet wird. Mit den Sauterelles zu Füssen durfte die Sängerin dann noch ein eigenes Chanson trällern, «Musique en tête» ist allerdings mehr volkstümliche Polka als Beat. Zu der Zeit spielte Arlette Zola offenbar mit eigener Band im Vorprogramm der Schweizer Beat-Götter die sich in dieser Besetzung allerdings schon bald auflösen sollten, Drummer Düde Dürst liess sich zuerst die Haare und danach die Zähne wachsen und nannte sein neues Projekt Krokodil.

Parallel zur Gesangskarriere arbeitete Arlette Zola zwischendurch immer wieder im Gastgewerbe (ihre Mutter besass ein Restaurant, dort hatte Arlette im Alter von 13 Jahren auch ihre ersten Auftritte). Über das Geld das sie im Showbusiness verdiente hatte sie scheinbar keine Kontrolle da sie erst im Mai 1969 ihren zwanzigsten Geburtstag feiern konnte, nach damaliger Gesetzgebung war sie erst ab da volljährig.

Der musikalische Yé-Yé-Anteil wurde gegen Ende der 60er allmählich kleiner, die Lieder glitten teilweise ab ins Soft-Schlager-Metier, Arlette sang nun auch vermehrt auf Deutsch wie auf der Single «Das spricht sich überall herum» / «Wenn du Geld hast». Die betörende Ballade «Comme les autres filles» (1969), das schmissige «Je suis folle de tant t’aimer» (1971) – produziert vom «falschen Bruder», Les (Faux) FrèresGaston Schaefer – und die letzte Single «Pour que vienne enfin ce grand matin» (1972) mit Brass-Gebläse, E-Gitarre und herumtanzender Basslinie gaben nochmals Gegensteuer. 1972 beendete Arlette (vorerst) ihre Gesangskarriere, sie heiratete, wurde Mutter und war die nächsten paar Jahre auf einem Bauernhof anzutreffen.

1982 feierte Arlette Zola ein Comeback, sie vertrat die Schweiz mit «Amour on t’aime» am Concours Eurovision de la Chanson und erreichte einen respektablen dritten Platz.

2009 erschien die mittlerweile vergriffene CD Arlette Zola – Mes années 60… Souvenirs! die den Grossteil ihrer Sixties-Recordings versammelte.

2012 sang Arlette auf ihrem Album Encore Un Tour zusammen mit dem ehemaligen Beat-Prinzen Toni Vescoli das von ihr getextete Duett «Combien d’amis». Toni mit herrlich rumpelndem Cajun-Akzent (da würden sich die Zehennägel meiner ehemaligen Französisch-Lehrerin auf die Flucht begeben wenn sie das hören würde), trotzdem oder gerade wegen Toni ein Heuler diese Nummer!

2020 veröffentlichte Arlette zusammen mit ihrer Tochter Romy Zola die Titel «Le même sang» und «Non je ne voudrais pas», sie beendete danach die Karriere als aktive Sängerin.

Und ich?
Also ich freue mich jeweils riesig wenn mir in Wühlkisten Scheiben von Arlette Zola in die Finger geraten, die gehen immer mit, es ist eben eine ganz spezielle Leidenschaft die ich für die einzige Schweizer Yé-Yé-Artistin hege. Und wer weiss, vielleicht erlege ich ja doch noch mal die rare Promotion-Single «Pernod Star» von 1967, die wird meines Wissens jenseits von 100 Euro gehandelt… okay… DAS hätte ich jetzt wohl besser nicht schreiben sollen…

HOORAY-FOR-MY-FAVORITE-YÉYÉ-GIRL!
mellow

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