The Ventures

Nachfolgender Eröffnungs-Text stammt aus dem ehemaligen Rockzirkus-Forum , ich habe ihn für den RZ-Blog aktualisiert. Die grosse VENTURES-Kiste (mit ihren integrierten unzähligen Rezensionen zu instrumental agierenden Acts) hatte ich 2012 gestartet, sie wurde bis zur Einstellung des Forums der Thread mit den meisten Klicks. Die intensive Beschäftigung  mit instrumentaler Rockmusik veränderte mein musikalisches Weltbild von Grund auf.

Es ist ja schon verrückt, da setzt eine Band in Japan mehr Tonträger ab als die allseits beliebten Pudelkopffrisurträger aus Liverpool, aber irgendwie scheint das in Europa nicht wirklich Eingang in die Geschichtsbücher gefunden zu haben. Die 1959 in Seattle von den Gitarristen DON WILSON und BOB BOGLE (später hauptamtlicher Bassist) gegründete Instrumentalband THE VENTURES ist sowas wie ein Spiegel der Popgeschichte, da wurden die Charts gecovert, themenbezogene Alben (Soul, Surf, Psychedelic, Rock, R&B, Singer/Songwriter, TV/Cinema-Themes, Jazz, Easy Listening, Klassik bis hin zu Disco etc.) produziert, zwischendurch wurden aber auch immer wieder eigene Songs und Melodien eingestreut. Anfangs standen die VENTURES noch stark in der Tradition der britischen Shadows, sie bewegten sich aber rasend schnell wie ein Satellit von ihnen weg, ihr Sound wurden dabei immer schmutziger und erdiger. Im Laufe der Jahre nahmen sie sich auch immer angesagten Trends an und dabei entstanden dann und wann wirklich heisse Interpretationen. Nicht immer natürlich, manchmal brachen sie damit auch ins Eis ein und drohten zu ertrinken, eine starke Grundmelodie musste allerdings immer vorhanden sein, die absolut notwendige Grundlage für eine mehrheitlich instrumental agierende Band.

Die beiden herausragenden Lead-Gitarristen NOKIE EDWARDS und der Nachfolger GERRY McGEE prägten die VENTURES mit ihren unnachahmlichen Stilen, der 2018 verstorbene NOKIE die früheren Jahre (obwohl er immer wieder für Gastspiele zurückkehrte) , GERRY drückte dem Sound der VENTURES dann in späteren Dekaden seinen Stempel auf. Ab und zu ergab es sich sogar, dass beide gleichzeitig auf der Bühne standen, diese Shows gerieten dann immer zu einem Feuerwerk.

Heutzutage ist es für die VENTURES schwieriger geworden, noch vernünftiges, aktuelles und zudem coverbares Material zu finden, die angegrauten Herren beschränken sich denn auch mehrheitlich auf Liveaktivitäten bei denen sie sich auf ihren umfangreichen Song-Fundus verlassen können, beispielsweise bei ihren beliebten Jubiläumsevents. Vor allem da wurde immer wieder ihre Magie freigesetzt, man höre und staune bei NOKIE EDWARDS’ feinfühligen und gekonnten Ausritten über den Hals seiner Gitarre. Klasse Anschauungsmaterial findet man auf einschlägigen Videoportalen, siehe beispielsweise THE VENTURES 45th ANNIVERSARY LIVE, Aufnahmen von 2004. Die VENTURES sind noch immer heiss, auch ohne den 1996 verstorbenen Überdrummer MEL TAYLOR dessen Platz seitdem von seinem Sohn LEON eingenommen wird. BOB BOGLE verstarb 2009 im Alter von 75, DON WILSON zog sich alters- und gesundheitsbedingt 2017 zurück, er übergab die Leitung der Band an LEON TAYLOR und seinen langjährigen Mitstreiter BOB SPALDING. Die Band wird wohl auf ewig hinaus existieren, die Bezeichnung „Kult“ passt auf niemanden besser als auf THE VENTURES.

Neben hunderten Singles und Originalalben entstanden unzählige Compilations, es ist eine gigantische, mittlerweile unüberschaubare Discografie. Die Fangemeinschaft ist riesig, nicht nur in Japan, weltweit werden VENTURES-Platten gesammelt und gehortet wie kostbare Schätze. Leider hat mich das Virus erst 2012 durch eine Wühltisch-Erwerbung gepackt aber ich bin bereit für die Jagd nach VENTURES-Silberlingen, eine Jagd für die ich mir vorsichtshalber mal eine längere Zeitspanne einräume: Öffne dich du gigantisches Archiv der Fahrstuhlmusik!*

Okay, den Anfang habe ich mit der DoCD-Wühltisch-Compi WALK DON’T RUN gemacht, da drauf wird die Gründerzeit von 1960/61 beleuchtet. Nun, zuerst sollte ich mir mal einen Überblick verschaffen und da hilft bestimmt eine weitere Zusammenfassung.

THE VENTURES – THE VERY BEST (2007, EMI)

Für wenig Kohle erhältlich bei den üblichen Händlern im Web, kriegt man auf diesem Doppler wirklich eine umfangreiche Werkschau. Natürlich nur punktuell, THE VENTURES haben ganz einfach „too much“ eingespielt. Vom frühen Hit WALK DON’T RUN über den Trommelwahnsinn WIPE OUT, über Midsixties-Beat à la ELEANOR RIGBY (wer hat das nicht gecovert), I FEEL FINE (ebenfalls von den berühmten Liverpoolern) zu GRREEN ONIONS und THE HOUSE OF THE RISING SUN. Selbstverständlich finden sich auch Tracks die ich für verzichtbar halte, also ich brauche TELSTAR weder im Original noch als Cover, und bei BRIDGE OVER TROUBLED WATER verweigere ich mich nicht nur bei den VENTURES, das hat meines Erachtens in jeder Version, egal von wem, zuviel Zucker drin. CLASSICAL GAS von 1970 hingegen, die Bearbeitung eines Songs des Folkies MASON WILLIAMS, meine Güte, das ist ein herrliches 2-Minuten-Fünfzig-Monster, oder Morricones THE GOOD, THE BAD, AND THE UGLY, wie geschaffen für diese Band. Tontechnisch gesehen gingen die VENTURES mit der Zeit oder einen Schritt weiter, man löste sich nach und nach vom Twang-Klang, Mitte Sixties kamen pünktlich zur Garage-Hochzeit Verzerrungen hinzu, um ’70 herum immer mehr Orgel und Piano. Herausgerissen aus ihrem ursprünglichen Umfeld, meistens einer LP oder der zweiteiligen Welt einer Single, wirken die einzelnen Tracks  vielleicht manchmal etwas verloren, aber es steigert meine Lust, mich mit ihrer ehemaligen Heimat näher zu befassen. Mal schauen wie’s hier weitergeht, respektive ob mir vielleicht irgendwann mal ein bezahlbares Exemplar von NEW TESTAMENT (1971)** in die Finger gerät… oder von UNDERGROUND FIRE**… oder… ich bin nicht wählerisch, nein, Hauptsache da steckt eine geballte Ladung VENTURES drin…

mellow

 

* Nachtrag I:
Ich war spät dran anno 2012 mit meinem Einstieg ins VENTURES-Universum, vielleicht zu spät, viele CD-Neuauflagen aus den 90ern und 00ern waren da bereits vergriffen, sie werden heutzutage oft zu horrenden Preisen gehandelt. Ich habe es trotzdem geschafft mich durch das opulente Oeuvre zu pflügen und bin dabei auf exzellente Musik gestossen die mittlerweile unverzichtbar für mich geworden ist.

** Nachtrag II:
Klar, sie wurden alle erlegt, auch das Neue Testament und das Feuer im Untergrund und…

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