The Free Design – Heaven/earth (1969)

Nein, es ist absolut keine Bildungslücke wenn man The Free Design nicht kennt.
Das aus New York stammende Gesangsensemble um Christopher Dedrick (1947-2010), Sandy Dedrick, Bruce Dedrick und Ellen Dedrick ist mittlerweile längst vergessen.

Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm, im Fall der Dedrick-Geschwister eine durchaus passende Feststellung, die Passion des Vaters (Trompeter und Arrangeur) ging offenbar auf seine Nachkommen über. Die 1967 gegründete Familienangelegenheit kann man irgendwo in einer Nische zwischen den Schubladen Easy Listening, Jazz, Folk, Klassik, Avantgarde und Pop platzieren (manchmal werden sie auch in die Unterabteilung Sunshine Pop einsortiert), ganz einfach machen The Free Design es einem im Nachhinein nicht, von ihren Vorbildern Peter, Paul & Mary entfernten sie sich auf alle Fälle im Laufe der Zeit immer mehr.

Das Album das es mir ganz speziell angetan hat bei der Durchsicht ihrer Aufnahmen ist die LP Heaven/earth von 1969 das bei beim Label Project 3 Total Sound erschien, eine unglaubliche Achterbahnfahrt zwischen den vorab gelisteten Stilen. Chris Dedrick kippte hier sämtliche Anbiederungen an kommerzielle Musik über Bord und der Produzent Enoch Light (Violinist, Bandleader, Toningenieur, Gründer mehrerer Plattenlabels, darunter auch Project 3) unterstützte das tatkräftig, er war ja sozusagen zuhause im musikalischen Crossover/Fusion-Bereich und lotete immer wieder mal die Grenzen aus, man höre sich nur mal die Loungecore-Granate SPACED OUT von 1969 an, ein schier unglaubliches Feuerwerk das Enoch Light And The Light Brigade da zündete! Wer nicht ganz ohne Gitarren kann der könnte Mühe bekunden mit Heaven/earth, für die wenigen Passagen die nach 6 Saiten verlangten waren die Gebrüder Dedrick zuständig und nicht wie ich anfangs vermutete der grandiose E-Gitarren-Pionier Tony Mottola der auf dieser Platte neben Enoch Light als zweiter Produzent aufgelistet wurde.

Heaven/earth rückt in erster Linie natürlich den Gesang der Dedricks in den Vordergrund, ist aber dennoch enorm vielschichtig, herum flirrende Vokalsätze verschmelzen mit Orchester, Flöten, Besendrums, E-Bass, Kontrabass, Triangel, Trompeten, wunderbar röhrendem Saxophon und Kammerorchester. Nach mehrmaligem Hören der LP entsteht bei mir der Eindruck als wären die Titel auf dieser Songsammlung stetig im Fluss, es passiert andauernd etwas, je nachdem eine Ebene höher oder tiefer, man findet fast keine Zeit sich auf ein Detail zu konzentrieren weil Sekunden später bereits eine weitere Passage die volle Konzentration erfordert. Stimmen und Instrumente sind ineinander verstrickt und verzahnt, das Resultat wirkt aber niemals anstrengend sondern immer eingängig und melodiös. Die meistens von Chris Dedrick geschriebenen Songs und Arrangements sind zwar komplex, erscheinen aber in der Ausführung durch und durch organisch gewachsen. Beim ersten Kontakt wirkt Heaven/earth vielleicht noch etwas kompliziert und verschachtelt, nach mehrfachem Hören entfaltet sich das Album in seiner ganzen Schönheit, ein Kanon von Free Design wird spätestens dann zur natürlichsten und logischsten Sache der Welt.

Heaven/earth ist aus einem Guss, ich unterlasse es deshalb einzelne Elemente davon zu sehr herauszustreichen und erlaube mir nur den gezielten Hinweis auf „If I Were A Carpenter“ von Tim Hardin das in der Bearbeitung von Free Design ganz einfach nur bezaubernd auf mich wirkt, es ist die vielleicht softeste, vielleicht aber auch stimmungsvollste Version die mir von diesem Titel jemals zu Ohren gekommen ist.

Obwohl The Free Design auf „2002 – A Hit Song“ erklärten wie man einen Hit schreibt, blieb der kommerzielle Erfolg von Heaven/earth bescheiden, dafür wurde die LP von Jazz-Kritikern in höchsten Tönen gelobt. Dem wohlwollenden Urteil dieser Jazz-Koryphäen schliesse ich mich gerne an, ich überreiche The Free Design und der Langspielplatte Heaven/earth mit diesem Blog-Eintrag im Nachhinein das ehr und redlich verdiente Diplom, den dazugehörigen Lorbeerkranz und eine Plakette auf der in goldenen Lettern „Wahnsinnsalbum“ eingeprägt ist. Die Songs von Heaven/earth haben kein Verfalldatum, selbst 50 Jahre später schillern sie noch so frisch wie Tautropfen im ersten Sonnenstrahl eines anbrechenden Tages.

JAZZ ?  OH YEAH…
JAAAAAAAAAAAZZ !

mellow

 

The Free Design – Heaven/earth
(1969, LP, Project 3 Total Sound)

1. My Very Own Angel
2. Now Is The Time
3. If I Were A Carpenter
4. You Be You And I’ll Be Me
5. Girls Alone
6. 2002 – A Hit Song
7. Summertime
8. Where Do I Go
9. Hurry Sundown
10. Memories
11. Dorian Benediction

Bonustracks CD (2003, Light In The Attic):
12. Nature Boy (Ellen Dedrick)
13. Settlement Boy (Ellen Dedrick)

Musicians:
Chris Dedrick – Vocals, Guitar,Trumpet
Bruce Dedrick – Vocals, Guitar, Bass, Trombone
Sandy Dedrick – Vocals, Piano, Clarinet
Ellen Dedrick – Vocals
Chuck Rainey – Bass
Richard Davis – Bass
Bill Lavorgna – Drums
James Buffington – French Horn
Ray Alonge – French Horn
Arnie Lawrence – Saxophone
Urbie Green – Trombone
Don Butterfield – Tuba
Marvin Stamm – Trumpet
Mel Davis – Trumpet
Rusty Dedrick – Trumpet

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