Magna Carta – Lord Of The Ages (1973)

Die Hochblüte britischen Folkrocks waren zweifellos die späten 60er und frühen 1970er Jahre. Zur Speerspitze dieser neuen Musiker-Generation die sich durch den umfangreichen Folklore-Fundus buddelte und dabei allerhand Kurioses und Ausgefallenes zu Tage förderte oder in Eigenregie zusammenbastelte, gehörten Bands wie Fairport Convention, Lindisfarne, Strawbs, Amazing Blondel, Pentangle, Incredible String Band, Steeleye Span, Horslips, Dan Ar Bras, Alain Stivell sowie die unzähligen Barden die im Sog des Erfolges von Bob Dylan, Donovan Leitch und der Renaissance der amerikanischen Folkmusik ebenfalls ihr Glück versuchten. Viele der überlieferten klassische Folksongs wurden neu interpretiert, das ausgegrabene Liedgut wurde oft mit modernem, elektrisch verstärktem Equipement vorgetragen. Am besten schrieb man sich das Repertoire gleich selbst, man konnte dann frei zwischen veschiedenen Stilen hin und her switchen und herumexperimentieren: Pop, Rock und klassischer Folk wurden kurzerhand fusioniert. Eine aufregende Epoche, bei Led Zeppelin wurde ungeniert zur akustischen Klampfe gegriffen und das Resultat war in den meisten Fällen umwerfend. Es existierten keine Regeln, die Traditionalisten welche die klassische Fahne hochhielten kamen erst später wieder an die Macht als der Folkrock während der Disco/Punk/Metal-Epoche in eine Nische gedrängt wurde. Klar, die Pogues hielten die Fahne bis zuletzt hoch, die eine oder andere Ausnahme von der Regel gab es eben immer wieder.

Manche Aufnahmen werden nie alt, nein, mit zunehmendem Alter reifen sie sogar, fast so wie ein guter Wein, ich denke das Album Lord Of The Ages von Magna Carta kann man da locker dazuzählen. Chris Simpson bezeichnete das Album als den “Sergeant Pepper” der Band. Gitarrist Davey Johnstone hatte sich aus der Band verabschiedet um sich auf die Arbeit mit Elton John zu konzentrieren. Die verbleibende Truppe mit Chris Simpson (g, voc), Glen Stuart (voc) und Stan Gordon (g, voc) spielte ohne ihn, dafür mit diversen Gastmusikern dieses Wunderwerk der leisen Töne ein. Stilistisch ziemlich amerikanisch, in der Nähe von Simon & Garfunkel, ging es von der Instrumentierung her querbeet durch alle gängigen Soundmuster, die Songs wahre Meisterleistungen der Arrangierkunst. “Wish It was” der Opener mit Kontrabass, Steel Guitar, jazziger Drumwork. Weiter mit “Two Old Friends Of Mine”, eine wunderschöner Spaziergang, gespickt mit einer Bluesharp welche bei Lindisfarne ausgelehnt worden sein könnte. Und dann hinein ins Herz der Scheibe – “Lord Of The Ages” – dieses mystische 10-minütige Epos welches man lebenslang nicht mehr aus den Ohren kriegt! Auf diesem Song werden alle verfügbaren Register gezogen: Akustische Gitarren, Chöre, Erzählstimme, Streichorchester, selbst vor dem Einsatz von Bläsern wird nicht zurückgeschreckt. Der Mittelteil geht dann in ein rollendes, fantastisch locker flockig funkiges Gitarrensolo über. Was für eine Wohltat für von Weichspülpop geplagte Ohren! “Falkland Grene”, der Ausklang der Platte findet dann in versöhnlicher Weise zurück zu den altenglischen Wurzeln: Traditionelle Folkmusic mit der unverzichtbaren Pipe.

Vom Album Lord Of The Ages gingen ca. eine Million Exemplare über die Ladentheken, Chris Simpson sah allerdings keinen Cent für seine von ihm verfassten Songs, es verleitete ihn zu der Aussage: I should be a multi-millionaire. But… forget it. 

Lord Of The Ages bietet einem all das was man so oft vermisst: Eine ruhige und doch spannende Reise in ein unbekanntes akustisches Universum. Fans von Moody Blues, Renaissance, Strawbs und dergleichen die dieses Werk noch nicht kennen, die können blind zugreifen und werden wohl kaum enttäuscht werden. Eine mir vorliegende, 1999 im Abbey Road remasterte CD-Edition beinhaltet zusätzlich den 74er-Nachfolger Martins Café. Deutlich Pop- und US-orientierter, kommerziell eher ein Flop, chancenlos gegen Magna Carta’s Meisterwerk. Nichtsdestotrotz gibt es auch da drauf schöne Sounds zu entdecken.

Magna Carta existieren offenbar noch immer, zuerst jahrelang mit Chris und Linda Simpson, nach ihrer Scheidung im Jahr 2009 landeten Magna Carta im Stauraum. Allerdings nicht für lange, Chris Simpson veröffentlichte 2015 die CD Fields Of Eden die neues Material enthielt und lädt immer wieder mal zu Konzerten ein. Die Compilation Tomorrow Never Comes – The Anthology 1969-2006 von Repertoire bietet einen Überblick über alle Perioden von Magna Carta und streift auch die eher poplastigen 80er-Jahre, der grandiose Titeltrack “Lord Of The Ages” wurde bei dieser Zusammenstellung allerdings nicht berücksichtigt.

LONG LIVE FOLKROCK!
mellow

 

 

Magna Carta – Lord Of The Ages (LP, 1973, Vertigo)
A1  Wish It Was
A2  Two Old Friends
A3  Lord Of The Ages
B1  Isn’t It Funny (And Not A Little Bit Strange)
B2  Song Of Evening
B3  Father John
B4  That Was Yesterday
B5  Falkland Grene

Chris Simpson – Guitar, Vocals
Glen Stuart – Vocals
Stan Gordon – Guitar, Vocals
Danny Thompson – Bass
Dave Peacock – Bass
Alan Eden – Drums
Gerry Conway – Drums
Tony Carr – Percussion
Jean-Alain Roucel – Piano
Gordon Huntley – Steel Guitar
Graham Smith – Mouth Harp
John Curle – Voice

Tony Cox – Producer
Roger Dean – Artwork

Recorded at Sound Techniques, Chelsea, London

 

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