Any Trouble

Wenn man sich im Web einen ausgezeichnet aufbereiteten, cellophanversiegelten Schuber von CHERRY RED für lächerliche drei Euro fünfzig mit den ersten drei Alben einer Band beschaffen kann, dann lässt sich vermuten, dass bei dem angebotenen Produkt einiges im Argen liegt.

Es handelt sich hierbei um die britische Band ANY TROUBLE, und bei denen ging alles schief was schief gehen konnte.

ANY TROUBLE, Mitte Seventies von den einzigen Band-Konstanten CLIVE GREGSON (Vocals, Guitar, Keyboards) und CHRIS PARKS (Guitar) in Manchester gegründet, sicherten sie sich 1979 einen Vertrag bei STIFF RECORDS. Wegen der Aussicht Labelkollegen von IAN DURY, GRAHAM PARKER, und ELVIS COSTELLO zu werden (was CLIVE GREGSON durchaus witzig fand, da er wie EC Brillenträger war und nicht gerade als Sexsymbol galt), schlugen sie andere Angebote aus der Plattenindustrie aus. STIFF übergab sie in die Obhut des legendären Produzenten JOHN WOOD (FAIRPORT CONVENTION, NICK DRAKE, SQUEEZE) und der brauchte eigentlich nur noch auf die Record-Taste zu drücken um die grossartigen kleinen Hymnen von ANY TROUBLE auf Band zu bannen. Beschwingter Poprock, neuwellig frisch, wie ein gediegener Sprühregen am Ende eines heissen Tages währendem man sich im Pub vielleicht ein verdientes Bierchen genehmigt.

JOHN PEEL rührte die Werbetrommel, das grossartige LP-Debut von 1980 – WHERE ARE ALL THE NICE GIRLS? – kriegte trotzdem kein Oberwasser, die Verkäufe blieben bescheiden. STIFF schob im gleichen Jahr den lebendigen Longplayer LIVE AT THE VENUE mit dem ABBA-Cover „The Name Of The Game“ und ihrer Version von SPRINGSTEEN’S „Growing Up“ nach, presste aber nicht sonderlich viele Einheiten, auch dieser Platte blieb damit jeglicher Anflug von Erfolg verwehrt. Der dritte Streich von 1981 nannte sich WHEELS IN MOTION und auch hier passierte nichts von Belang.

  

ANY TROUBLE wurden auf die SONS-OF-STIFF-Tour in den Staaten gepackt. CLIVE GREGSON kriegte während dieser Staatenreise von seiner bei STIFF angestellten Freundin die Hiobsbotschaft, dass sie von ihrem Label rausgeworfen worden seien. Sie schafften es irgendwie zurück nach New York und schlugen eine Tour als Anheizer für MOLLY HATCHETT aus weil sie ganz einfach keine Lust auf Kanonenfutter hatten. In der New Yorker Niederlassung von STIFF brachte man dann doch noch etwas Mitleid für ANY TROUBLE auf und spendierte ihnen Rückflugtickets ins Vereinigte Königreich.

  

Die Lust nach Ruhm und Ehre und Rockstarleben war den involvierten Musikern vergangen und ANY TROUBLE lösten sich auf. Eineinhalb Jahre später rauften sich GREGSON und SPARKS aber nochmals zusammen als ihnen ein Deal mit EMI angeboten wurde. Die schlicht ANY TROUBLE betitelte Langrille von 1983 wich vom bisherigen von Gitarre dominiertem Sound ab und setzte vermehrt auf Keyboards. Erfolglos, trotz begleitender erfolgreicher Europatournee im Vorprogramm von JOAN ARMATRADING, ein weiteres ungeliebtes Kind das ausserdem bis heute noch nie aufbereitet und digitalisiert wurde. Einen letzten Anlauf machten sie 1984 mit dem Doppelalbum WRONG END OF THE RACE, eine viergeteilte Angelegenheit, jede LP-Seite widmete sich einem Stil: Seite 1 wie gehabt mit locker flockig gespieltem Folk-Poprock und mit Gästen wie RICHARD THOMPSON und IAN MATTHEWS, Seite 2 widmete sich dem Soulbreich, Seite 3 schläferte mit Orchester und Balladen ein, auf Seite 4 schliesslich alles was nicht in eine Kategorie passte.Danach war Schluss, Platten von ANY TROUBLE wollte offenbar niemand, Hits und erfolgreiche Verkaufszahlen sucht man bei dieser Band vergebens.

2007 erschien mit LIFE IN REVERSE eine weitere CD von ANY TROUBLE, das bewährte GREGSON/SPARKS-Gespann präsentierte ein wieder von JOHN WOOD produziertes Comeback, lustigerweise auf dem reanimierten STIFF-Label. Mit dem Album PRESENT TENSE fand das Kapitel ANY TROUBLE im Jahre 2015 bei den britischen Retroexperten CHERRY RED eine würdige Fortsetzung.

   

Im Nachhinein betrachtet scheinen ANY TROUBLE so etwas wie der Prototyp einer von A bis Z verunglückten Unternehmung zu sein, die trotz grossartiger Songs wie „Playing Bogart“, Turning Up The Heat“ oder „Girls Are Always Right“ nie Boden unter die Füsse kriegte.ANY TROUBLE gleich Pleiten, Pech und Pannen, aber wer sagt denn, dass gute Musik immer erfolgreich sein müsse? Ich bestimmt nicht…

mellow

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